MannPassAuf! Wider die Gräuel
von Matriarchat und Gynokratie.

Ein Pionier der Feminismuskritik: Otto Weininger. (16-1-08)

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Institut für Philosophie, SS 2007
Veranstaltung: "Feministische Philosophie" (ÜfF, 3335)
Leitung: Frau Dr. XX
Referent: stud.phil. Thomas Lentze
Thema: Ein Pionier der Feminismus-Kritik: Otto Weininger (1880-1903)
Datum: 3-7-2007

Anmerkung 3-5-09: Nach Durchsicht dieses Referates erscheinen mir manche Passagen verbesserungsbedürftig. Was ich in Hinblick auf meine "Bausteine zu einer Philosophie des Sexismus" (s.d.) bereits schrieb, gilt auch hier: Ein Weblog ist keine gute Voraussetzung für die wiederholte Überarbeitung eines längeren Textes.

Das ist auch der entscheidende Grund für mich gewesen, diese Webseite zu erstellen. Was ich hiermit vorlege, ist ein vorerst mich noch nicht zufriedenstellender, aber neu formatierter, insofern hoffentlich etwas besser lesbarer Text.

1. Das Wichtigste zu Weiningers Leben, Sterben und Wirkung.

Hierüber gibt uns Heutigen z.B. die Schrift von Jacques le Rider: "Der Fall Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus" (deutsch 1985) umfassende Auskünfte. Die Verführung, statt einer Biographie eine Pathographie zu schreiben, liegt hier freilich näher als gewöhnlich, so daß dem Leser dieser Schrift empfohlen sei, sich der impliziten Wertungen ihres Autors stets bewußt zu bleiben. So bringt schon der Untertitel eine diskriminierende Absicht zum Ausdruck, da "Antifeminismus" die Kritik an einer bestimmten Ideologie bedeutet, "Antisemitismus" jedoch die Gegnerschaft gegen eine Volksgruppe.

Otto Weininger wurde 1880 in Wien als Sohn wohlhabender und gebildeter Eltern geboren und wuchs mit sechs Geschwistern auf. Seine vielseitigen, glänzenden Begabungen, besonders im Erwerb von Fremdsprachen, fielen schon in der Volksschule auf. Mit 18 Jahren begann er das Studium der Philosophie, profitierte aber auch von Veranstaltungen zur Medizin und Biologie. Daneben fand er vielseitige Anregung durch zahlreiche Theaterbesuche und durch Diskussionen in einem großen Freundeskreis. Schon vier Jahre später, Weininger war 22 und hatte noch ein Jahr zu leben, erwarb er die Doktorwürde. Ein Jahr später erschien die Dissertationsschrift, erweitert um einige Kapitel und versehen mit dem Titel "Geschlecht und Charakter", im Verlag Braumüller und erlebte bis in die 20iger Jahre zahlreiche Auflagen. An ihrer Berühmtheit hat aber - so unterstellt der Biograf Jacques de Rider - Weiningers wenige Monate später erfolgter Selbstmord einen maßgeblichen Anteil.

In der Tat trägt dieser Selbstmord Züge einer Selbstinszenierung; erstens, da er, wie de Rider sich ausdrückt, in "Geschlecht und Charakter" als verschlüsselte Erklärung bereits hinterlegt worden war; ferner, da Weininger zu seinem Vollzug das Sterbehaus Beethovens wählte.

"Der Tod des Autors erscheint nun als die logische Konsequenz des Buches: Weininger wird zu einer legendären Gestalt mit ungeheurem Ansehen"(de Rider, 54).

Eine Beleuchtung aus einem völlig anderem, höchst interessanten Blickwinkel erfährt Weiningers Freitod aus der Sicht Rudolf Steiners. De Rider erwähnt und zitiert Steiner zwar, scheint aber dessen wesentliche Ausführungen über Weininger übersehen zu haben.

Bezeichnend für die Zeit um die Jahrhundertwende war nun, daß "Geschlecht und Charakter" keineswegs nur auf Ablehnung stieß. Sogar viele Frauen schlossen sich seinen Thesen an, ja übertrafen sie sogar, wie etwa die anonyme Autorin der 1904 erschienenen Broschüre "Das Weib vom Manne erschaffen. Bekenntnisse einer Frau". Schon 1897, also vor Erscheinen von "Geschlecht und Charakter", hatte Laura Marholms in ihrer Abhandlung "Psychologie der Frau" behauptet, der einzige Lebenszweck des Weibes bestünde in der Befriedigung der männlichen Begierden.

Vor Allem durch eine Reihe von Beiträgen, die Karl Kraus in der von ihm herausgegebenen Literaturzeitschrift "Die Fackel" veröffentlichte, sodann durch Übersetzungen in acht Sprachen wurde "Geschlecht und Charakter" schnell den gebildeten Schichten ganz Europas einschließlich Rußlands bekannt; ja sogar in China und Japan - genannt seien Lu Xun und Yukio Mishima - wurde es kommentiert. Selbst in Israel wurde 1982 ein Theaterstück aufgeführt, das Weininger zum Titel und Thema hat. Bemerkenswert ist fernerhin, daß Weininger seine Bewunderer nicht nur in Literaten und Künstlern fand, sondern z.B. auch in einem so scharfsinnigen Logiker wie Ludwig Wittgenstein .

Eine abschließende Erwähnung verdienen die Plagiats-Vorwürfe seitens P.J.Moebius und Wilhelm Fließ, in die hinein auch Sigmund Freud verwickelt war und die zur Steigerung von Weiningers Nachruhm erheblich beigetragen haben. Moebius ist der Autor der 1900 erschienen Abhandlung "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes", welcher ein ähnlicher Erfolg beschieden war wie Weiningers "Geschlecht und Charakter", und auch ähnliche Ideen verficht. Nun bezichtigte Moebius seinen Bruder im Geiste des Plagiats, woraufhin dieser ihm mit einer Verleumdungsklage drohte. Weiningers Tod verhinderte die Eskalation.

Wilhelm Fließ ist bekannt durch seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit Freud in der Zeit zwischen 1887 und 1900. Auch Fließ bezichtigte Weininger des Plagiats, und zwar an seiner Lehre von der konstanten Bisexualität. Dabei habe Freud die Rolle des Verräters gespielt. Nach Weiningers Tod kam es nunmehr zu einer Auseinandersetzung zwischen Fließ und Freud, die mit einem Bruch der Freundschaft endete, und die allein von Freud einen wenig sympathischen Eindruck vermittelt. Der, so schreibt Weiningers Biograf,

"erscheint in dieser Polemik immer an der Grenze zur Unehrlichkeit, erinnert sich nicht an kompromittierende Gespräche und weigert sich, die Originalität anderer anzuerkennen." (94)

Weininger wurde für Freud ein Trauma, das dieser zeitlebens nicht verarbeitete.

2. Zur Einstimmung

Lassen wir uns folgende zwei Sätze einmal "auf der Zunge zergehen":

Wenn derartige Thesen heutzutage besonders anstößig wirken, so hat es darin seinen Grund, daß der inzwischen verstaatlichte Feminismus (also Sexismus) die gleichen Thesen ebenfalls vertritt - nur mit umgekehrtem Vorzeichen und meist weniger explizit.

Es ist heute geradezu zur Gewohnheit geworden, alle möglichen Elemente unserer Kultur und Zivilisation einfach nur deswegen in Frage zu stellen, d.h. als Ausdruck von (destruktiver) Herrschaft zu "entlarven", weil oder insofern sie unbestritten männlichen Ursprungs sind. Allein aus diesem Grunde gelten sie gewissermaßen als Fälschungen eines an sich Wahren, nämlich des Weiblichen.

Ebenso aber gilt das weibliche Geschlecht aufgrund seiner ideologisch festgeschriebenen Reinheit von aller Destruktivität, welche ihm einen ewigen Opferstatus garantiert, irgendwie für das "bessere" Geschlecht. Hingegen gelten Männer, wenn nicht als das auszurottende, so doch als das weniger zukunftsfähige, wegen ihrer unbestrittenen Arbeitskraft allerdings nützliche und insofern vorläufig noch zu duldende Geschlecht.

Im Folgenden seien zunächst die Kapitel des Buches abschnittweise behandelt, wobei die Ausführungen, welche keine direkten Bezüge zu einer "feministischen Philosophie" aufweisen, nur summarisch erwähnt werden sollen.

3. Zum Ersten (Vorbereitenden) Teil: "Die sexuelle Mannigfaligkeit".

3.1-5 Vorwort / Einleitung / "Männer und Weiber" / Arrhenoplasma und Thelyplasma / Gesetze der sexuellen Anziehung / Homosexualität und Päderastie / Anwendung auf die Charakterologie.

Das relativ lange, dabei sehr inhaltsreiche Vorwort bringt von der ersten Zeile an den ungewöhnlich hohen Anspruch seines Autors zum Ausdruck. Er verspricht,

"das Verhältnis der Geschlechter in ein neues Licht zu rücken"(V),

und zwar, im Unterschied zu allen bisherigen Unternehmungen dieser Art, nicht durch Zusammentragen des schon Erforschten; vielmehr solle

"die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib aus einem einzigen Prinzip versucht werden. Hie[r]durch unterscheidet es sich von allen anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor [...]." (V)

Das geschehe mittels einer philosophische Psychologie, welche zur künstlerischen Vorgehensweise in einem Verhältnis der Ergänzung stehe:

"Der Künstler hat die Welt eingeatmet, um sie auszuatmen; für den Philosophen ist sie ausgeatmet, und er muß sie wieder einatmen." (VI)

Die Methode der philosophischen Beweisführung könne allerdings schroff, ja beleidigend wirken, und dies nicht nur auf Frauen.

"Wo die Darstellung antifeministisch ist - und das ist sie fast immer - dort werden auch die Männer ihr nie gerne und mit voller Überzeugung zustimmen: ihr sexueller Egoismus läßt sie das Weib immer lieber so sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben wollen."(VI)

Mit dem Aufstieg der Analyse bis zu Punkten,

"von denen nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und seine Bedeutung im Weltganzen, sondern auch der Aspekt auf sein Verhältnis zur Menschheit und zu deren letzten und höchsten Aufgaben sich öffnet" (VII),

da also, wo Erklärung und Wertung notwendigerweise zusammenfallen, werde dann auch das Schuldproblem erörtert. - Um es vorwegzunehmen: Nach Weininger ist überhaupt nur der Mann schuldfähig, und seine Schuld ist das Weib.

Und:

"Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren, daß die Behandlung der höchsten und letzten Fragen hier gleichsam in den Dienst eines Spezialproblems von nicht übergroßer Dignität" [also das des Weibes] "gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung." (VIII f.)

Wirklich tragisch sei dies jedoch nicht, denn zwar stehe am Schluß der Aufweis der völligen Wertlosigkeit des Weibes; dafür aber erwachse reicher Gewinn und Bejahung aus einer Erhellung der Fragen zur Genialität, des Unsterblichkeitsbedürfnisses, und des Judentums. - Wobei, auch dies sei hier vorweggenommen, dem Juden eine fast gleich tiefe Stellung wie dem Weibe zugemessen wird.

In der Einleitung erklärt Weininger, daß die Begriffe Mann und Frau in ihrer bisherigen Form nicht haltbar seien. Es gebe sie als polar zugeordnete Ideen, nämlich des Männlichen und des Weiblichen; nicht aber ließen sich Menschen eindeutig in Männer und Weiber einteilen. Hier, wie auch im Tierreich herrschten alle Grade des Überganges. Schon die Anatomie beweise dies: Kein Organ-, kein Skelettbefund erlaube, für sich betrachtet, eine eindeutig geschlechtliche Zuordnung.

Im ersten Kapitel wird die Trennung der Geschlechter - Häckel erfand hierfür den Begriff Gonochorismus - embryologisch und zoologisch expliziert und der Schluß gezogen:

"Es gibt unzählige Abstufungen zwischen Mann und Weib, "sexuelle Zwischenformen"; daher können wir einen idealen Mann M und ein ideales Weib W, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, aufstellen als sexuelle Typen. Diese Typen können nicht nur, sie müssen konstruiert werden. Nicht allein das "Objekt der Kunst", auch das der Wissenschaft ist der Typus, die platonische Idee."(9)

Die Wissenschaft habe bisher den Fehler gemacht, Statistik anzuwenden; auf diese Weise gelange man aber zu Durchschnitten und nicht zu Typen. Dabei gehe es nicht nur um die - zumal beim Fötus erkennbare - bisexuelle Anlage, sondern um die dauernernde Doppelgeschlechtigkeit.

"Also sind Mann und Weib zwei Substanzen, die in verschiedenem Mischungsverhältnis, ohne daß der Koeffizient einer Substanz Null wird, auf die lebenden Individuen verteilt sind. Es gibt in der Erfahrung nicht Mann noch Weib könnte man sagen, sondern nur männlich und weiblich."(10)

Das zweite Kapitel, überschrieben "Arrhenoplasma und Thelyplasma", reflektiert ausführlich Ergebnisse aus der Biologie, welche heute freilich überholt sein dürften.

Lesenswert, aber in vorliegendem Zusammenhang ebenfalls nicht sehr relevant sind die Kapitel 3 - 5 mit den Überschriften "Gesetze der sexuellen Anziehung", "Homosexualität und Päderastie" und "Anwendung auf die Charakterologie". Erwähnt sei hier, daß Weininger der damals noch geltenden Auffassung widerspricht, wonach die Homosexualität erworben sei, das heißt auf Verführung beruhe. Ebenso verwirft er die Auffassung, sie sei vererbt. Vor Allem

"ist doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß die Menschen mit sexueller Inversion [...] ganz gesund sein können und sich, accessorische Momente abgerechnet, nicht weniger wohl fühlen wie alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie, ob sie sich überhaupt wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, so erhält man gar oft eine verneinende Antwort."(55)

Empört stellt er fest:

"Ein Professor der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat noch im Jahre 1900 ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen einfach kastrieren."(59)

Wir sehen also: Weininger war explizit kein Befürworter der z.B. von J.Butler behaupteten und beklagten "Zwangsheterosexualität"!

Erwähnenswert aus dem fünften Kapitel erscheint mir Weiningers - damals wohl ebenfalls ungewöhnliches - Engagement für eine Pädagogik, in welcher auf die geschlechtlichen Abstufungen eine besondere Rücksicht genommen wird:

"Die Zwischenstufen kommen da alle zu kurz."(69) "Unter der schraubstockartigen Pressung in eine gleichmachende Erziehung haben Mädchen und Knaben gleich viel [...] zu leiden." (70)

3.6. Die emanzipierten Frauen.

In diesem sechsten Kapitel geht Weininger erstmals auf die Frage ein,

"deren theoretischer und praktischer Lösung dieses Buch recht eigentlich gewidmet ist [...]: auf die Frauenfrage." (79)

Wir nähern uns nun also dem eigentlichen Thema im Rahmen einer "Übung zur feministischen Philosophie".

Die Anwendung der bisherigen Betrachtung sexueller Zwischenformen ergebe,

"daß Emanzipationsbedürfnis und Emanzipationsfähigkeit einer Frau nur in dem Anteile an M"

- also an Männlichkeit -

"begründet liegt, den sie hat." (80)

Anders gesagt, erfülle sich die weibliche Emanzipation in dem Willen

"eines Weibes, dem Manne innerlich gleich zu werden, zu seiner geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen und zu seiner Schaffenskraft zu gelangen." (80)

Andere Definitionen von Emanzipation, z.B. solche, welche auf die mehr äußerliche Gleichstellung mit dem Manne abzielen, werden von Weininger zwar genannt, jedoch von der Betrachtung ausgeschlossen. Es geht ihm ja um eine Metaphysik der Geschlechter, und da fällt ihm auch sogleich auf:

"Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle mit einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie hervorragenden Frauen weisen stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an ihnen dem geschärften Blicke auch immer anatomisch-männliche Charaktere, ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen, erkennbar."(80 f.)

Dies sucht Weininger anhand zahlreicher Beispiele aus der Kulturgeschichte zu belegen.

Daß die Männlichkeit der Frauen im Maße ihrer Ausprägung auch mit Bi- und Homosexualität einhergeht, ergibt sich nach dem bisher Festgestellten von selbst. Ebenso wird im Folgenden verständlich, daß für Weininger Frauen, die der lesbischen Liebe zuneigen, höherwertige Frauen sind - einfach weil sie mehr Männliches in sich haben. Das Männliche nämlich - nicht unbedingt der Mann - ist für Weininger das Wahre, Gute und Schöne schlechthin.

Sehr bemerkenswert ist ferner die auch heute noch gültige Feststellung, daß das, was Frauen produzieren,

"wegen der von Anfang an immer tiefer gestimmten Ansprüche, stets nachsichtiger behandelt, [hingegen] wenn es gut war, stets unvergleichlich höher gepriesen worden ist, als was Männer gleich Gutes geleistet hatten [...] und es gelangen noch fortwährend Frauen durch Produkte zu großem Ansehen, von denen man kaum Notiz nehmen würde, wenn sie männlichen Ursprungs wären." (84)

Wer denkt da nicht an so lächerliche Buchtitel wie "Große Philosophinnen und Philosophen", an Einstellungs-Bevorzugung bei gleicher Eignung und an "positiver Diskriminierung", von strafrechtlicher Ungleichbehandlung ganz zu schweigen ? Von solchen sexistischen Auswüchsen wußte Weininger freilich noch nichts, und so führte er die weibliche Bevorzugung auf die "damit verbundene geschlechtliche Pikanterie" zurück. (84)

Ebenso aktuell ist Weiningers Kritik an der Politisierung der Frauen-Emanzipation; z.B. daran, daß viel mehr Frauen studieren, als es ihren eigenen Begabungen und wahren Bedürfnissen entspricht.

"Das praktische Verhalten [...] hätte [...] folgendes zu sein: Freien Zulaß zu allem, kein Hindernis in den Weg derjenigen [Frauen], deren wahre psychische Bedürfnisse sie [...] zu männlicher Beschäftigung treiben, für die Frauen mit männlichen Zügen. Aber weg mit der Parteibildung, weg mit der unwahren Revolutionierung, weg mit der ganzen Frauenbewegung, die in so vielen [Frauen] widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes Streben schafft." (87)

Wir erleben es heute, daß in einer nie gekannten sexistischen Verblendung nicht das Können, sondern das weibliche Geschlecht gefördert wird. Das Versagen der Frauen in dem Maße, als Leistung gefordert ist, hält die Ideologen dennoch nicht davon ab, die ganz offensichtliche Verschiedenheit der Geschlechter als Konstrukt zu bezeichnen und weiterhin finanzielle Mittel in den sog. "Abbau von Benachteiligungen" zu pumpen.

"Der übliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden wird, lautet dahin, daß die Geschichte nichts beweise, da die Bewegung erst Raum schaffen müsse für eine ungehemmte, volle geistige Entwicklung der Frau. Dieser Einwand verkennt, daß es emanzipierte Frauen, eine Frauenbewegung zu allen Zeiten gegeben hat, wenn auch in den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit [...]; er übertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach geistiger Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes irgendwann gemacht wurden [...]; er übersieht schließlich wiederum, daß auch heute nicht das wirkliche Weib die Forderung der Emanzipation erhebt, sondern daß dies durchwegs nur männliche Frauen tun, die ihre eigene Natur mißdeuten und die Motive ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen des Weibes zu sprechen glauben." (88 f.)

In der Tat hat es zu allen Zeiten emanzipierte Frauen und Frauenbewegungen gegeben, und zwar, wie Weininger meint, "in konstanten Intervallen", (90) so etwa im 10., im 15./16. und "jetzt wieder" im 19./20. Jahrhundert. Er spricht von der Möglichkeit einer Periodizität,

"vermöge derer in regelmäßigen Phasen [...] mehr Zwischenformen auf die Welt kommen". (90)

Dies führt er kulturgeschichtlich näher aus. In Konsequenz ist

"vorauszusehen, daß die Frauenbewegung größtenteils von selbst sich verlaufen und nach längerer Zeit erst wieder zum Vorschein kommen würde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus ohne Ende. Es würden eben die Frauen, die sich selbst emanzipieren wollten, bald in größerer, bald in weit geringerer Anzahl geboren werden." (91)

Jede Emanzipationsbewegung wird jedoch um ihre Früchte gebracht,

"wenn diese immer weiter ihre Ziele nur im Sozialen, in der historischen Zukunft der Gattung suchte und ihre Feinde blind unter den Männern und in den von Männern geschaffenen rechtlichen Institutionen wähnte." (92)

Daher:

"Die wahre Befreiung des [männlichen] Geistes [in der Frau] kann nicht von einem noch so großen und noch so wildem Heere gesucht werden, um sie muß [vielmehr] das einzelne Individuum kämpfen. Gegen wen ? Gegen das, was im eigenen Gemüte sich dawiderstemmt. Der größte, der einzige Feind der Emanzipation der Frau ist die Frau." (93)

Fassen wir die wesentlichen Aussagen des sechsten Kapitels zusammen:

4. Zweiter oder Hauptteil: Die sexuellen Typen.

4.1-4.3. Mann und Weib / Männliche und weibliche Sexualität / Männliches und weibliches Bewußtsein.

Diese vier Kapitel seien hier nur summarisch behandelt. Das erste von ihnen besteht in einer heute nicht mehr aktuellen Auseinandersetzung mit der damaligen Psychologie, welche sich in Sinnesphysiologie erschöpfte, weshalb sie Weininger nicht befriedigen konnte. Eine Charakterologie war noch kaum ausgebildet.

Einige für uns interessante Gesichtspunkt enthält jedoch das zweite Kapitel. Keineswegs, so Weininger, ist der männliche Sexualtrieb stärker als der weibliche; zu diesem Irrtum hat u.a. die offensichtliche Eruptivität des letzteren geführt. Vielmehr ist es das Weib, welche sich in einer fast ständigen, über den ganzen Körper verteilten Dauererregung befindet.

Daß dieser Tatbestand nicht leicht ins Bewußtsein tritt, ist dem Umstand geschuldet, daß Bewußtsein überhaupt nur durch Trennung und Gegenüberstellung zustande kommt. Beim Mann ist diese Voraussetzung insofern erfüllt, als sich seine Erregbarkeit stark auf den Genitalbereich konzentriert - soweit der räumliche Aspekt -; ferner insoweit, als er die Pubertät als ein einschneidendes, befremdliches, ja beängstigendes Ereignis erlebt, welches ihm lebenslang in Erinnerung bleibt - soweit der zeitliche Aspekt. Diese Differenzierungen, an welchen das Weib nicht teilhat, bewirken die starke Bewußtwerdung des männlichen Sexualtriebes und ihre Mißdeutung dahingehend, daß der Mann eher ein Triebwesen sei als die Frau.

"W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung und Fortpflanzung, d.i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde, vollständig auf, sie wird von diesen Dingen vollkommen ausgefüllt, während M nicht nur sexuell ist."

Im Gegenteil, dieser kennt "noch ein Dutzend anderer Dinge: Kampf und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft, Geschäft und Politik, Religion und Kunst." (112)

"Das Weib ist fortwährend, der Mann nur intermittierend sexuell."(115)

Im dritten Kapitel werden wiederum Fragen der zeitgenössischen Psychologie erörtert - hier u.a. die "Henidentheorie" - und das wenig ergiebige Resümée gezogen:

"M lebt bewußt, W lebt unbewußt."(130)

4.4-4.8. Begabung und Genialität / Begabung und Gedächtnis / Gedächtnis, Logik, Ethik / Logik, Ethik und das Ich / Ich-Problem und Genialität.

Diese fünf Kapitel enhalten sehr bemerkenswerte Erkenntnisse zur Idee der Genialität und zu den Grundfragen der philosophischen Logik und Ethik; für das Thema der Geschlechter bieten sie aber nicht viel Neues. Es sei daraus zitiert:

"Eine Frau nun sieht nie ein, daß man alles auch begründen müsse; da sie keine Kontinuität hat, empfindet sie auch kein Bedürfnis nach der logischen Stützung alles Gedachten: daher die Leichtgläubigkeit der Weiber. Also im Einzelfall mögen sie konsequent sein, aber dann ist die Logik nicht Maßstab, sondern Werkzeug, nicht Richter, sondern meistens Henker. Dagegen wird eine Frau durchaus, wenn sie eine Ansicht äußerte, und der Mann so dumm wäre, dies überhaupt ernst zu nehmen und einen Beweis von ihr verlangte, ein solches Ansinnen als unbequem und lästig, als gegen ihre Natur gerichtet empfinden. Der Mann fühlt sich vor sich selbst beschämt, er fühlt sich schuldig, wenn er einen Gedanken, habe er ihn nun geäußert oder nicht, zu begründen unterlassen hat, weil er die Verpflichtung dazu fühlt, die logische Norm einzuhalten, die er ein für allemal über sich gesetzt hat. Die Frau erbittert die Zumutung, ihr Denken von der Logik ausnahmslos abhängig zu machen. Ihr mangelt das intellektuelle Gewissen. Man könnte bei ihr von "logical insanity" sprechen." (192)

"Es gibt nichts Erschütternderes für einen Mann, als wenn er, einem Weibe auf eine Lüge gekommen, sie fragt: "Was lügst Du ?" und dann gewahren muß, wie sie diese Frage gar nicht versteht und, ohne zu begreifen, ihn angafft, oder lächelnd ihn zu beruhigen sucht - oder gar in Tränen ausbricht." (194)

4.9. Männliche und weibliche Psychologie.

Die bisherigen philosophischen Untersuchungen führen zu folgendem Ergebnis:

"Das absolute Weib hat kein Ich." (240)

Für diese Erkenntnis beansprucht Weininger keine Priorität; vielmehr hätten schon die alten Chinesen dem Weibe die Seele abgesprochen, wie auch zahlreiche europäische Denker, angefangen mit Aristoteles, vom Weibe geringschätzig dachten. Neu und originell ist allerdings die von Weininger vorgelegte, hier nicht im Einzelnen darzulegende Beweisführung. - Daraus folgen nun weitere Ergebnisse:

"Der Mann hat alles in sich [...] Er kann zur höchsten Höhe hinaufgelangen und aufs tiefste entarten, er kann zum Tiere, zur Pflanze, er kann auch zum Weibe werden, und darum gibt es weibliche, weibische Männer.

Aber die Frau kann nie zum Manne werden. [...] Während mir eine große Anzahl von Männern bekannt sind, psychisch fast vollständig, und nicht etwa zur Hälfte nur, Weib sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen gesehen mit männlichen Zügen, aber noch nie auch nur eine einzige Frau, die nicht doch im Grunde Weib gewesen wäre [...]. (242)

Selbstverständlich ist dem Weibe auch jede Genialität abzusprechen, da diese nur in gesteigerter Männlichkeit besteht. Doch schon mit dem gewöhnlichen Denkvermögen der Frau ist es nicht weit her, denn:

"Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur Einheit", (251)

wohingegen die Frau in den Dingen aufgeht, zu welchen ihr die Distanz ermangelt. Aus demselben Grund hat das Weib auch keine Freiheit. Selbst mit ihrer Fantasie ist es es nicht sehr gut bestellt,

"denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie des Mann hingegen, als Künstlers oder Philosphen, erst höhere Wahrheit."(250)

Allerdings folgt dies schon daraus, daß das Weib ohnehin die Lüge verkörpert und daher selbst dann noch lügt, wenn es äußerlich die Wahrheit spricht.

Aus einem ähnlichen Grunde kann das Weib auch nicht wirklich Verbrechen begehen.

"Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich behaupte, daß sie vielmehr böse gar nie sein kann; sie ist nur amoralisch, gemein." (254)

Wer nun behauptet, daß die Frau wenigstens zu gewissen Tugenden wie Mitleid und Schamhaftigkeit fähig ist, irrt sich ebenfalls. Weibliches Mitleid resultiert aus einer elementaren Verschmolzenheit und äußert sich in einer Zärtlichkeit, die auch dem Tier zueigen ist. Hingegen im echten, d.h. männlichen Mitleiden

"liegt immer Beschämung, Schuldbewußtsein, weil es mir nicht so schlecht geht wie diesem, weil ich nicht wie er, sondern ein von ihm [...] getrenntes Wesen bin. Das männliche Mitleid ist das über sich selbst errötende principium individuationis; darum ist alles weibliche Mitleid zudringlich, das männliche versteckt sich." (257)

Ähnlich, wie die Frau asexuell scheinen kann, weil sie als Ganzes aus Sexualität besteht, kann sie den Eindruck der Schamhaftigkeit machen, dies allerdings, weil es in ihr keine Scham zu verletzen gibt.

"Und so ist die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es haben will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefühle einer Nacktheit wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das andere fehlt, das vorhanden sein müßte, um ihr je zum Bewußtsein zu bringen, daß sie (objektiv) nackt ist, und so ein innerer Impuls zur Bedeckung werden könnte. Daß man auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich etwas, das blödem Blicke nicht einleuchtet, aber es wäre ein schlimmes Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus der Tatsache des Gewandes schon auf den geringsten Mangel an Nacktheit schließen wollte. Und eine Frau ist objektiv stets nackt, selbst unter der Krinoline und dem Mieder." (258)

Bezeichnend für die Frau ist ihre Eitelkeit.

"Nie wird eine Frau vergessen, daß ein anderer sie häßlich gefunden hat; allein nämlich findet ein Weib sich nie häßlich, sondern stets nur minderwertig, und auch das nur, indem es an die Triumphe denkt, welche andere Frauen bei den Männern über sie davongetragen haben. Es gibt kein Weib, das sich nicht schön und begehrenswert fände, wenn es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, gleich dem Manne, eigene Häßlichkeit zur schmerzvollen Realität, sondern sie sucht bis ans Ende sich und die anderen darüber hinwegzutäuschen." (260)

Das folgt aus dem Fehlen des weiblichen Eigenwertes. Sein Wert, so die Frau einen hat, ist stets nur ein geliehener oder ein durch die Liebe eines Mannes verliehener.

Auf zahlreiche weitere Einzelbeobachtungen kann hier nicht eingegangen werden; erwähnt seien etwa diese:

"Hätte die Frau ein Ich, so hätte sie auch einen Sinn für das Eigentum, bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb ist aber bei den Frauen viel entwickelter als bei den Männern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe ohne Not) sind beinahe ausschließlich Frauen." (266)

"Tiere erschrecken nie, wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein Mensch vermöchte sein Leben lang in einem Spiegelzimmer verbringen. Oder ist auch diese Furcht, die Furcht vor dem Doppelgänger (von der bezeichnenderweise das Weib frei ist) 'biologisch', 'darwinistisch' abzuleiten ? Man braucht das Wort Doppelgänger nur zu nennen, um in den meisten Männern heftiges Herzklopfen hervorzurufen. Hier hört eben alle rein empirische Psychologie auf, hier ist Tiefe vonnöten." (274)

4.10. Mutterschaft und Prostitution.

Dieses Kapitel beinhaltet eine spezielle Psychologie der Weiblichkeit, hier die polare Dichotomie der Frau in Mutter und Dirne. Da nun aber jede Frau grundsätzlich Anteil an beiden genannten Daseinsformen hat, egal ob sie sie auslebt oder nicht, müssen diese Begriffe erst einmal definiert werden.

"Es ist wohl zu beachten, daß nicht das käufliche Mädchen allein dem Dirnentypus angehört, sondern sehr viele unter den sogenannten anständigen Mädchen und verheirateten Frauen, ja selbst solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht weil die Gelegenheit nicht günstig genug ist, sondern weil sie selbst es nicht bis dahin kommen lassen. [...] Überdies könnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen, wenn bloß ein Mann und ein Weib auf der Welt wären, denn er äußert sich bereits in dem spezifisch verschiedenen Verhalten zum einzelnen Mann." (284)

Keineswegs ist die Prostitution etwas, wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat; vielmehr ist der Hang dazu in jeder Frau organisch angelegt, genauso wie die Mutterschaft. - Ebenfalls ist es ein Vorurteil, daß der Mann zur Polygamie veranlagt sei, die Frau aber zur Monogamie.

"Das Umgekehrte ist der Fall. Man darf sich nicht dadurch beirren lassen, daß die Frauen oft lange den Mann abwarten und, wenn möglich, wählen, der ihnen am meisten Wert zu schenken in der Lage ist [...]Für die Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke der Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit und des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in ihren Gedanken ihrem Manne nie untreu geworden wäre, ohne daß es darum dies auch schon sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll unbewußter Begier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat, so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen hat. Jenes Motiv, das einem Vertrage Treue wahren heißt, kann nur beim Manne sich finden; für die bindende Kraft eines gegebenen Wortes fehlt der Frau das Verständnis." (289)

"Die Mutter ist [...] geizig und kleinlich, die Prostituierte verschwenderisch, launisch. Denn die Erhaltung der Gattung ist der Zweck, für den die Mutter lebt; so sorgt sie sich eifrig darum, daß die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten Appetit. Damit hängt ihre Neigung zum Brode, zu allem, was Wirtschaft heißt, zusammen. [...] So pflegt die Mutter die Physis, nicht aber die Psyche des Kindes. Das Verhältnis zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter immer ein körperliches: [...] Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe nicht wahrhaft sittlich hochgeschätzt werden kann. Es frage sich jeder aufrichtig, ob er glaubt, daß ihn seine Mutter nicht ebenso lieben würde, wenn er nicht er, sondern ein ganz anderer Mensch wäre ! Hier liegt der springende Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von der moralischen Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe nicht lassen wollen. Die Individualität des Kindes ist der Mutterliebe ganz gleichgültig, ihr genügt die bloße Tatsache der Kindschaft: und dies ist eben das Unsittliche an ihr." (295)

Daher:

"Ich gestehe, daß mir die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phänomen weit mehr imponiert." (298) "Sie lebt wenigestens ihr eigenes Leben ganz und gar, wenn sie auch dafür - im extremen Falle - mit dem Ausschluß aus der Gesellschaft bestraft wird. Sie ist zwar nicht mutig wie die Mutter, vielmehr feige durch und durch, aber sie besitzt auch das stete Korrelat der Feigheit, die Frechheit, und so hat sie wenigstens die Unverschämtheit ihrer Schamlosigkeit." (299)

Durch ihren Verzicht auf alle Ehre übt die Prostituierte ferner Macht aus, und sie ist sich ihrer bewußt. Dadurch ist sie es,

"welche die meiste Macht unter den Menschen besitzt, den größten, ja den alleinigen Einfluß ausübt in allem Menschenleben, das nicht durch männliche Verbände (vom Turnverein bis zum Staat) geregelt ist. Sie bildet hier das Analogon zum großen Eroberer auf politischem Gebiet. Wie dieser, wie Alexander und Napoleon, wird die ganz große, ganz bezaubernde Dirne vielleicht nur alle tausend Jahre einmal geboren, aber dann feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch die ganze Welt." (299)

Ebenso gilt der Umkehrschluß: Jede erfolgreiche Machtpolitik ist wesentlich Prostitution.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Für die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; für die Dirne ist er Selbstzweck. In beiden Fällen offenbart sich im Koitus das ganze Sein des Weibes.

"Für die Mutter ist der Koitus der Anfang einer Reihe; die Dirne will in ihm ihr Ende, sie will vergehen in ihm. Der Schrei der Mutter ist darum ein kurzer, mit schnellem Schluß; der der Prostituierten ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will sie in diesem Moment konzentriert, zusammengedrängt wissen. Weil dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in ihrem ganzen Leben nie befriedigt, von allen Männern der Welt nicht." (306 f.)

Nebenbei diskutiert Weininger eine Idee, welche zu diskutieren damals noch möglich war: Das sogenannte "Versehen", das ist die Empfängnis einer Frau nicht durch den sexualen Akt, sondern durch den Blick oder das erstmalige Hören der Stimme des Mannes. Goethe war sich dieser Möglichkeit offenbar sicher gewesen, ebenso aber auch Ibsen.

"Weiße Frauen, die einst von einem Neger ein Kind gehabt haben, gebären später oft einem weißen Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale der Negerrasse an sich tragen. Blüten, die mit einer Pollenart bestäubt werden, ergeben oft nach vielen späteren andersartigen Bestäubungen Früchte, welche noch an die Spezies erinnern, mit deren Pollen sie ehedem affiziert wurden. Und die Stute des Lord Morton ist ja berühmt geworden, die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei Füllen warf, welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich trugen." (307)

4.11. Erotik und Ästhetik.

Indem die Untersuchung nun fast an ihr Ziel gelangt ist, erscheint es Weininger nötig, dem möglichen Widerstand des Publikums entgegenzutreten.

"Das Schicksal Schopenhauers gibt zu denken, dessen niedrige Meinung 'Über die Weiber' noch immer darauf zurückgeführt zu werden pflegt, daß ein venetianisches Mädchen, mit dem er ging, sich in den vorübergaloppierenden, körperlich schöneren Lord Byron vergaffte: als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekäme, der am wenigsten, und nicht vielmehr der, der am meisten Glück bei ihnen gehabt hat. Die Methode, statt Gründe mit Gründen zu widerlegen, jemand einfach als Misogynen zu bezeichnen, hat in der Tat viel für sich. [...] Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive des Gegners zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise zu gebrauchen. [...] Deshalb soll jetzt, nach den strengen und sachlichen Ableitungen, der Spieß umgekehrt, und einmal der Frauenverteidiger darauf untersucht werden, aus welchem Gefühle das Pathos seiner Parteinahme stammt, inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie weit es sie in fragwürdiger Gesinnung hat." (314 f.)

Übrigens stehe Kant, auf welchen sich Weininger sich sonst oft beruft,

"zu hoch und zu rein da, um in dieser Frage als Autorität mitzusprechen: die einzige Geliebte, an der er sich gerächt hat, war die Metaphysik."

(316) Umgekehrt sei Schopenhauer ein extrem unter dem Geschlechtstrieb leidender Mensch gewesen, wodurch er zum Wesen der Liebe nicht habe vordringen können. Beide nämlich, Sexus und Eros, schließen einander aus.

"Liebe und Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende, ja entgegengesetzte Zustände, daß, in den Momenten, wo ein Mensch wirklich liebt, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. [...] Es gibt nur 'platonische' Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue." (317 f.)

In einer Hinsicht sind sich Begehren und Liebe jedoch ähnlich.

"Geschlechtstrieb und Liebe sind beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste sucht das Individuum durch ein körperliches Abbild, die zweite [sucht die] Individualität durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. Nur der geniale Mensch aber kennt die ganz und gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose Kinder zu zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck kommt." (331)

Dies bringe auch Diotima in Platons "Symposion" zum Ausdruck, wenn Sokrates sie sagen läßt, daß Liebe nicht dem Schönen, sondern der Erzeugung und Ausgeburt im Schönen gelte. Anders nämlich als in der Logik und Ethik, wo das Wahre bzw. Gute den Maßstab des Denkens bzw. des Sollens bildet, existiert in der Ästhetik das Schöne nicht selbständig; vielmehr wird das Schöne von der Liebe erst geschaffen. Die

"Schönheit des Weibes ist die Liebe des Mannes, beide sind nicht zweierlei, sondern eine und dieselbe Tatsache. Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben."(321)

Wie aber dem Geschlechtstrieb die Grausamkeit innewohnt, und der Koitus dem Morde verwandt ist - er raubt den Vollziehenden das Bewußtsein, um Kindern das Leben zu geben - so gilt dies gewissermaßen auch für die Liebe zum Weibe.

"Liebe ist Mord. [...] Die ganz gemeine Sexualität sieht im Weibe einen Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebärerin [...] Die höhere Erotik aber verlangt von der Frau schonungslos, daß sie das männliche Adorationsbedürfnis befriedige, und sich möglichst anstandslos lieben lasse, damit der Liebende in ihr sein Ideal von sich verwirklicht sehen, und ein geistiges Kind mit ihr zeugen könne." (332)

Am deutlichsten werde das im Madonnenkult, beispielhaft in der geistig schöpferischen Liebe Dantes zu einem Mädchen, das er als Neunjähriger ein einzigesmal zu Gesicht bekommen hat; einem Mädchen,

"das später vielleicht eine Xanthippe oder Fettgans geworden ist; es liegt darin ein derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich Eingeengte des Individuums übersteigenden Werte auf ein an sich gänzlich wertloses Weib, daß man nicht leicht es über sich bringt, die wahre Natur des Vorganges zu enthüllen, und gegen ihn zu sprechen. [...] Die Madonna ist eine Schöpfung des Mannes, nichts entspricht ihr in Wirklichkeit. Der Madonnenkult kann nicht moralisch sein, weil er die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, weil mit ihm der Liebende sich belügt." (334)

Darin liegt auch die Antwort auf die eingangs dieses Kapitels gestellte Frage

"nach den Motiven, aus welchen an dem Glauben an die weibliche Tugend so zähe festgehalten wird. Man will davon nicht lassen, es [das Weib] zum Gefäß der Idee der eigenen Vollkommenheit zu machen, diese als in der Frau realisiert sich vorzustellen, um mit dem zum Träger des höchsten Wertes gemachten Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu realisieren." (335)

Übrigens ist, anders als der Mann, das Weib keiner reinen Liebe fähig. Unabhängig von den bisher schon erbrachten Beweisen folgt dies zum Beispiel aus der Betrachtung weiblicher Liebeslyrik, welche

"nicht nur vollkommen anerotisch, sondern ganz extrem sinnlich" [ist.]

"Es handelt sich um den tobendsten Orgasmus und die wildeste Wollust, und so wäre denn diese Literatur recht eigentlich angetan, die Augen über die durchaus nur sexuelle und nicht erotische Natur des Weibes zu öffnen." (336) Daß Frauen kein Verhältnis zur Schönheit haben, geht u.v.a. auch daraus hervor, daß sie nicht primär nach der Schönheit eines Mannes fragen. Für sie zählt nur der Phallus, besser gesagt: er ist ihr Schicksal, denn er wirkt auf sie wie das Medusenhaupt auf den Mann. "Der Phallus ist das, was die Frau absolut und endgültig unfrei macht." (338 f.)

Wie Sokrates die Diotima sagen läßt, ist Eros ein Dämon, ein Mittelding zwischen Haben und Nichthaben.

"Als Bedingung der Liebe muß Individualität, und zwar nicht rein und ungetrübt, jedoch mit dem Willen zur eigenen Befreiung von Staub und Schmutz, vorhanden sein." (340) Die Frau erfüllt diese Bedingung nicht, und kann also auch die Vollkommenheit des Mannes nicht wollen. Rätselhaft bleibt dann aber immer noch, warum der Mann die Frau zu lieben fähig ist. Weininger vermutet, daß der Mann bei der Menschwerdung der Frau das Göttliche, also die Seele oder das Ich vorenthalten haben könnte. Darum drückt ihn gegenüber der Frau, die er liebt, ein Schuldbewußtsein.

4.12. Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum.

Eingangs dieses mit etwa 60 Seiten recht umfangreichen Kapitels formuliert Weininger seine Auffassung vom Weibe in einer fast paradoxalen Zuspitzung, die es seinen Gegnern nicht leicht macht.

"Aber die rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib kann man sehr wohl verlangen, ohne darum an die moralische und intellektuelle Gleichheit zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht verdammt, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. Der tiefststehende Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe; und doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie zu schmälern oder zu unterdrücken. Durch die völlige Berechtigung des Anspruches auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein gründlicherer Menschenkenner in der Überzeugung sich beirren lassen, daß zwischen den Geschlechtern die denkbar polarste Gegensätzlichkeit besteht." (342 f.)

Dies verdient insofern Aufmerksamkeit, als Theorien, welche die Inferiorität einer Menschengruppe zu erweisen zum Ziele haben, in der Regel auch dafür herhalten müssen (wenn nicht gar auf den Zweck hin konzipiert sind), eine Unterdrückung eben dieser Menschengruppe zu legitimieren. Genau dagegen aber verwahrt sich Weininger. Damit ist er, in Sachen einer alle Menschen umfassenden Würdigung, seiner Zeit voraus. Wie schon dem ersten Teil zu entnehmen war, befürwortet Weininger die Institutionalisierung von Maßnahmen, welche der menschlichen Bisexualität gerecht werden. Das war damals und ist auch heute mancherorts noch ungewöhnlich, ja anstoßerregend. Ebenso ist Weininger mit seiner Befürwortung des Frauenwahlrechts und von Chancengleichheit eine Ausnahmeerscheinung innerhalb seiner Epoche. Es ist also kaum möglich, seine Theorie als misogyn auszuweisen - sowenig, wie man einen Theologen, der den Sündenfall thematisiert, als Menschenhasser bezeichnen darf.

Dies wird nochmals deutlich, indem Weininger sich nunmehr von Moebius absetzt.

"Das Weib ist nicht 'physiologisch schwachsinnig'; und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in Frauen mit hervorragenden Leistungen Entartungserscheinungen erblickt. Von einem moralischen Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets männlicher sind als die anderen, nur freudig begrüßen, und müßte bei ihnen eher das Gegenteil einer Entartung, nämlich einen Fortschritt und eine Überwindung, zugeben; in biologischer Hinsicht sind sie ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphänomen als der weibliche Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht ethisch wertet). Die sexuellen Zwischenformen sind aber in der ganzen Reihe der Organismen durchaus die normale und nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr Auftreten also noch kein Beweis körperlicher Décadence.

Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder scharfsinnig noch geradsinnig, es ist vielmehr von alledem das gerade Gegenteil; es ist, so weit wir bisher übersehen, überhaupt nicht 'sinnig': es ist als Ganzes Un-sinn, un-sinnig. Aber das ist noch nicht schwachsinnig, nach dem Begriffe, den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem Begriffe des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im gewöhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, Berechnung, 'Gescheitheit' besitzt W viel regelmäßiger und konstanter als M, sobald es auf die Erreichung naheliegender und egoistischer Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie so dumm, wie es der Mann zuweilen sein kann." (343 f.)

Daraufhin stellt Weininger die rhetorische Frage, ob dem Weibe, trotz all seiner Unsinnigkeit und Nichtigkeit, nicht doch eine Aufgabe im Weltganzen zukommt - im Prinzip das Problem der Theodizee, die gewöhnlich so formuliert wird: Wie konnte Gott es zulassen, daß das Übel oder das Böse in der Welt besteht ?

"Um hinter diesen Sinn zu kommen, muß von einem Phänomen ausgegangen werden, das, so alt und so bekannt es ist, noch nirgends und niemals einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden wurde. Es ist kein anderes als das Phänomen der Kuppelei, welches den eigentlichen, den tiefsten Einblick in die Natur des Weibes gestattet.

Seine Analyse ergibt zunächst das Moment der Herbeiführung und Begünstigung des Sichfindens zweier Menschen, die eine sexuelle Vereinigung, sei es in Form der Heirat oder nicht, einzugehen in der Lage sind. Dieses Bestreben, zwischen zwei Menschen etwas zustande zu bringen, hat jede Frau ausnahmslos schon in frühester Kindheit: ganz kleine Mädchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber ihrer älteren Schwestern, Mittlerdienste." (344)

Dieses Thema bleibt der Hauptgegenstand des ganzen übrigen Kapitels. Obwohl sehr lesenswert auch wegen der meisterhaften Sprachbeherrschung, welche Weininger auszeichnet und welche die Lektüre zum Vergnügen macht, möge es in dieser Darstellung damit sein Bewenden haben. Rekapituliert sei nur noch:

"Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der Kuppelei, d.h. mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher Gemeinschaft, vollständig und erschöpfend bezeichnet. Jedes Weib kuppelt; und diese Eigenschaft des Weibes, Gesandte, Mandatarin des Koitusgedankens zu sein, ist auch die einzige, welche in allen Lebensaltern da ist und selbst das Klimakterium überdauert: das alte Weib kuppelt weiter [...] Der Beruf der greisen Kupplerin ist nicht etwas, das hinzukommt, sondern eben dies, was jetzt allein heraustritt und übrig bleibt aus den früheren Komplikationen durch das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee." (351) [...]

"Der Koitus ist der höchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und überall zu verwirklichen. Ihre eigene Sexualität bildet von diesem unbegrenzten Wollen nur einen begrenzten Teil." (351 f.)

Nunmehr gilt es, ein letztes Prinzip zu ausfindig zu machen, aus welchem sowohl die Kuppelei als auch die organische (oder sogar: ontologische) Verlogenheit des Weibes abzuleiten ist. Stets nämlich wird eingewandt, daß es ja Weiber gebe, die der bisherigen Charaktistik gar nicht entsprechen; die also der Selbstbeobachtung fähig sind und ebenso der Wahrheitsliebe, des Schuldbewußtseins, des Schamgefühls, der Religiosität, der Sittenreinheit, der sexuellen Selbstbeherrschung usw. Würde dies in auch nur einem einzigen Falle zutreffen, dann, so Weininger, wäre das ganze Buch widerlegt.

Damit kommen wir zur grenzenlosen Beinflußbarkeit, besser Beeindruckbarkeit des Weibes; seine Passivität und Suggestibilität. Die Frau ist fähig, jedwede Form anzunehmen, nicht weil sie selbst keine hat, sondern - aristotelisch gesprochen - die Materie ist, welche der Form bedarf. Damit erfährt auch die Hysterie eine neue Beleuchtung:

"Hysterie ist die organische Krise der organischen Verlogenheit des Weibes. [...] Die Hysterie zeigt, daß die Verlogenheit, so tief sie hinabreicht, doch nicht so fest sitzt, um alles zu verdrängen.[...] Die 'Spaltungen der Persönlichkeit' sind eben nur dort möglich, wo von Anfang an keine Persönlichkeit da ist, wie beim Weibe. All jene berühmten Fälle, die Janet in seinem Buche 'L'Automatisme psychologique' beschrieben hat, beziehen sich auf Frauen, kein einziger auf einen Mann." (358-360)

Die sehr kenntnisreichen und originellen Ausführungen zur Hysterie und zeitgenössischen Psychiatrie, welche offenbar auch den Biographen Le Rider beeindruckt haben, seien hier nicht näher behandelt. - Ein treffendes Bonmot sei jedoch notiert:

"Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie, unter dem momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten, ganz beliebig falsche Gründe für das, was sie gesagt oder getan haben, aus dem Stegreif angeben." (362)

Im Ergebnis:

"Die Frauen haben keine Existenz und keine Essenz, sie sind nicht, sie sind nichts." (384)

Auf die Wiedergabe der ausführlichen philosophischen, an der Seinslehre des Platon orientierten Begründung, ohne welche dieser Satz sinnlos erscheint, muß hier aus Platzgründen verzichtet werden. Es lohnt sich jedoch, nachzulesen, zumal es in der feministischen Literatur entsprechende, auf den Mann gemünzte Behauptungen gibt, die sich aber in der bloßen Provokation erschöpfen. Folgendes nur sei, um Eindrücke zu vermitteln, hinzugefügt:

"So hat sich allmählich die Dualität von Mann und Weib zum Dualismus überhaupt entwickelt, zum Dualismus des höheren Lebens, des Subjekts und Objekts, der Form und der Materie, des Etwas und des Nichts. Alles metaphysische, alles transcendentale Sein ist logisches und moralisches Sein: das Weib ist alogisch und amoralisch. Es enthält aber auch keine Abkehr vom Logischen und Moralischen, es ist nicht antilogisch, es ist nicht antimoralisch. Es ist nicht das Nicht, sondern das Nichts, es ist weder Ja, noch ist es Nein. Der Mann birgt in sich die Möglichkeit zum absoluten Etwas und zum absoluten Nichts, und darum hat all sein Handeln eine Richtung nach dem einen oder dem anderen: das Weib sündigt nicht, denn es ist selbst die Sünde, als Möglichkeit im Manne."

"Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten Etwas, das Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des Nichts: das ist die Bedeutung des Weibes im Universum, und so ergänzen und bedingen sich Mann und Weib. Als des Mannes Gegensatz hat das Weib einen Sinn und eine Funktion im Weltganzen[...]" (398)

Das Kapitel endet mit Betrachtungen des Weiblichen als Widergöttlichen, d.h. mit der Schuld des Mannes:

"Erst indem der Mann seine eigene Sexualität bejaht, indem er das Absolute verneint, sich vom ewigen Leben ab-, dem niederen zukehrt, erhält das Weib Existenz. Nur indem das Etwas zum Nichts kommt, kann das Nichts zum Etwas kommen.

Der bejahte Phallus ist das Antimoralische. Darum wird er als das Häßlichste empfunden; darum wurde er stets in einer Beziehung zum Satan gedacht: den Mittelpunkt der Danteschen Hölle (das Zentrum des Erdinnern) bildet der Geschlechtsteil Lucifers." (400)

"Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille des Mannes: das Nichts ist nur ein Werkzeug in der Hand des Nicht. Die Kirchenväter drückten dasselbe pathetischer aus, als sie das Weib das Instrument des Teufels nannten. Denn an sich ist die Materie nichts, erst die Form muß ihr Existenz geben wollen. Der Sündenfall der Form ist eben jene Verunreinigung, die sie auf sich lädt, indem es sie treibt, an der Materie sich zu betätigen. Als der Mann sexuell ward, da schuf er das Weib. [...] Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange er noch sexuell ist. [...] Indem er auf den Koitus nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. Das Weib ist die Schuld des Mannes." (401)

In der Liebe zum Weibe versucht der Mann, seine Schuld zu überdecken, statt sie zu überwinden, denn durch sie erhebt er das Weib, statt es aufzuheben. Die eigentliche Lösung sieht anders aus; sie wird im letzten, das heißt im übernächsten Kapitel besprochen.

4.13. Das Judentum.

Um nicht den Eindruck zu erwecken, die Männer seien in der bisherigen Untersuchung zu gut weggekommen, müssen jetzt, so Weininger, die Juden behandelt werden. Vorweg wird noch den Chinesen und den Negern eine Defizienz in der Idee der Männlichkeit bescheinigt. Mit ihnen scheint das Judentum allerdings eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Daß Weininger selber jüdischer Abstammung ist, bemerkt er in einer Fußnote. Das Phänomen des "Antisemitismus" (in Wirklichkeit Anti-Judaismus, da Semiten in ihrer stärksten Ausprägung die Araber sind) gibt ihm Gelegenheit zu folgenden Betrachtungen:

"Wie man im anderen nur liebt, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz ist, so haßt man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch immer zum Teile noch ist.

Man haßt nicht etwas, womit man keinerlei Ähnlichkeit hat. Nur macht uns oft erst der andere Mensch darauf aufmerksam, was für unschöne und gemeine Züge wir in uns haben.

So erklärt es sich, daß die allerschärfsten Antisemiten unter den Juden zu finden sind. Denn bloß die ganz jüdischen Juden, desgleichen die völlig arischen Arier, sind gar nicht antisemitisch gestimmt; unter den übrigen bestätigen die gemeineren Naturen ihren Antisemitismus nur den anderen gegenüber, und richten diese, ohne je mit sich selber in dieser Sache vor Gericht gegangen zu sein; und nur wenige fangen mit ihrem Antisemitismus bei sich selbst an.

[...] wer immer das jüdische Wesen haßt, der haßt es zunächst in sich: daß er es im anderen verfolgt, ist nur sein Versuch, vom Jüdischen auf diese Weise sich zu sondern [...] Der Haß ist ein Projektionsphänomen wie die Liebe: der Mensch haßt nur, durch wen er sich unangenehm an sich selbst erinnert fühlt." (407)

Folgerichtig stellt Weininger fest,

"daß man das Judentum nicht verwechseln darf mit den Juden. Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude, und es gibt wirklich Juden, die arischer sind als gewisse Arier." (407)

Im Übrigen ist

"vielleicht die welthistorische Bedeutung und das ungeheure Verdienst des Judentums kein anderes, als den Arier immerfort zum Bewußtsein seines Selbst zu bringen, ihn an sich zu mahnen. Dies ist es, was der Arier dem Juden zu danken hat; durch ihn weiß er, wovor er sich hüte: vor dem Judentum als Möglichkeit in ihm selber.

Dieses Beispiel wird hinlänglich verdeutlicht haben, was nach meinem Ermessen unter dem Judentum zu verstehen ist. Keine Nation und keine Rasse, keine Konfession und kein Schrifttum. Wenn ich fürder vom Juden spreche, so meine ich nie den einzelnen und nie eine Gesamtheit, sondern den Menschen überhaupt, sofern er Anteil hat an der platonischen Idee des Judentums. Und nur die Bedeutung dieser Idee gilt es mir zu ergründen." (409)

Es ist somit absurd, Weininger "Antisemitismus" vorzuwerfen in dem Sinne des politischen Totschlagbegriffes, wie er heute benutzt wird, um gewissen Menschen die Diskursfähigkeit abzusprechen. Leider erliegt auch der Biograph de Rider, wie schon eingangs erwähnt, nicht ganz dieser Versuchung.

"So wenig wie es in der Wirklichkeit eine 'Würde der Frauen' gibt, so unmöglich ist die Vorstellung eines jüdischen 'gentleman'. Dem echten Juden gebricht es an jener inneren Vornehmheit, welche Würde des eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge hat. Es gibt keinen jüdischen Adel; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch bei den Juden jahrtausendelange Inzucht besteht.

So erklärt sich denn auch weiter, was man jüdische Arroganz nennt: aus dem Mangel an Bewußtsein eines Selbst und dem gewaltsamen Bedürfnis nach Steigerung des Wertes der Person durch Erniedrigung des Nebenmenschen; denn der echte Jude hat kein Ich und darum auch keinen Eigenwert." (412)

Ähnlich wie das Weib ist der Jude - als platonische Idee - ein Gattungswesen, ohne Höhen und Tiefen, und, da die Gattung als solche unsterblich ist, ohne ein individuelles Unsterblichkeitsbedürfnis. Beiden ist auch die Kuppelei zueigen:

"Nur Juden sind echte Heiratsvermittler, und nirgends erfreut sich Ehevermittlung durch Männer einer so ausgedehnten Verbreitung wie unter den Juden."(417)

Liebe spiele dabei eine so untergeordnete Rolle wie bei keinem anderen Volk der Erde, was wiederum die Seelenlosigkeit des absoluten Juden beweise. Jedoch:

"Ich betone nochmals, obwohl es selbstverständlich sein sollte: trotz der abträglichen Wertung des echten Juden kann nichts mir weniger in den Sinn kommen, als durch diese oder die noch folgenden Bemerkungen einer theoretischen oder gar einer praktischen Judenverfolgung in die Hände arbeiten zu wollen. [...] ich spreche nicht von den einzelnen Juden, von denen ich so vielen nur höchst ungern wehe getan haben wollte, und deren manchen bitteres Unrecht geschehen würde, wenn das Gesagte auf ihn sollte angewendet werden. Losungen wie 'Kauft nur bei Christen' sind jüdisch, denn sie betrachten und werten das Individuum nur als Gattungsangehörigen [...]." (418)

Die Judenfrage kann nicht äußerlich, sondern nur dadurch gelöst werden, daß jeder einzelne Jude das Judentum in sich selbst besiegt.

"Es gibt keine andere Lösung der Frage und kann keine andere geben; dem Zionismus wird sie nie gelingen." (419)

Was den religiösen Aspekt des Judentums betrifft, so heißt es:

"Mit dem völligen Mangel des Juden an Demut hängt sein Unverständnis für die Idee der Gnade zusammen. Aus seiner knechtischen Veranlagung entspringt seine heteronome Ethik, der Dekalog, das unmoralischste Gesetzbuch der Welt, welches für die gehorsame Befolgung eines mächtigen fremden Willens das Wohlergehen auf Erden in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt verheißt. Das Verhältnis zu Jehovah, dem abstrakten Götzen, vor dem er die Angst des Sklaven hat, dessen Namen er nicht einmal auszusprechen wagt, charakterisiert den Juden als einer fremden Herrschaft über sich bedürftig." (420)

Eine besonders augenfällige Ausformung des Judentums ist die mechanistisch-materialistische Weltauffasung, speziell die davon durchdrungene Wisenschaft, so etwa auch

"die lächerliche Theorie von der Affenabstammung des Menschen"

ebenso die

"bloß chemische Richtung in der Heilkunde",

überhaupt die Chemie in weiten Teilen. (422) In der Philosophie sei Spinoza, der seine Bekanntheit vor Allem der Tatsache verdanke, daß Goethe ihm Aufmerksamkeit schenkte, das beste Beispiel für die rationalistische Flachheit jüdischen Denkens sowie für dessen Unverständnis für die menschliche Willensfreiheit. - Zum Engländer habe der Jude gewisse Beziehungen, unterscheide sich aber wesentlich von ihm durch den Mangel an Humor. (427)

Mit dem Weibe teilt der Jude noch seine Wandelbarkeit. Er

"paßt sich den verschiedenen Umständen und Erfordernissen, jeder Umgebung und jeder Rasse selbsttätig an; wie der Parasit, der in jedem Wirte ein anderer wird, und so völlig ein verschiedenes Aussehen gewinnt, daß man ein neues Tier vor sich zu haben glaubt, während er doch immer derselbe geblieben ist." (430)

Ein wesentlicher Unterschied zum Weibe besteht jedoch in des Juden Neigung und Begabung zur Begrifflichkeit, somit auch zur Jurisprudenz. Die entscheidende Differenz liegt jedoch darin:

"Der Jude ist der ungläubige Mensch. [...] Und der Jude ist nichts, im tiefsten Grunde darum, weil er nichts glaubt. [...] Glaube aber ist alles. Mag ein Mensch an Gott glauben oder nicht, es kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an seinen Atheismus glaubt. Das aber ist es eben: der Jude glaubt gar nichts, er glaubt nicht an seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. [...] Er nimmt sich nie ernst, und darum nimmt er auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft ernst.

Hiemit ist die wesentliche Differenz zwischen dem Juden und dem Weibe endlich bezeichnet. Ihre Ähnlichkeit beruht zu allertiefst darauf, daß er, so wenig wie an sie, an sich selbst glaubt. Aber sie glaubt an den anderen, an den Mann, an das Kind, an 'die Liebe'; sie hat einen Schwerpunkt, nur liegt er außerhalb ihrer. Der Jude aber glaubt nichts [...] auch im Fremden hat er keinen Halt, auch in ihm schlägt er keine Wurzeln gleich dem Weibe. Und nur gleichsam symbolisch erscheint sein Mangel an irgendwelcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital." (431)

Zum Ende des Kapitels bringt Weininger nochmals die Religion zur Sprache. Demnach wäre es

"irrig, zu glauben, der Jude hasse Christum; der Jude ist nicht der Antichrist, er hat zu Jesus nur eigentlich gar keine Beziehung; es gibt streng genommen nur Arier - Verbrecher - die Christum hassen. Der Jude fühlt sich durch ihn nur, als seinem Witze nicht recht Angreifbares, weil seinem Verständnis Entrücktes, gestört und unangenehm geärgert." (437)

"Das Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es hat zu diesem dasselbe Verhältnis, welche alle Dinge mit ihren Gegenteilen, jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden ist. [...] Das Judentum ist der Abgrund, über dem das Christentum aufgerichtet ist, und darum der Jude die stärkste Furcht und die tiefste Abneigung des Ariers. [...] Christus war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu überwinden; denn wer über den mächtigsten Zweifel gesiegt hat, der ist der gläubigste, wer über die ödeste Neigung sich erhoben hat, der positivste Bejaher. Christus ist der größte Mensch, weil er am größten Gegner sich gemessen hat." (439 f.)

In seiner Zeit sieht Weininger den tiefsten kulturellen Verfall, d.h. den Höhepunkt des Judentums.

"Jüdisch ist der Geist der Modernität, von wo man ihn betrachte. Die Sexualität wird bejaht, und die heutige Gattungsethik singt zum Koitus den Hymenaios. [...] Aber Weiber und Juden kuppeln, ihr Ziel ist es: den Menschen schuldig werden zu lassen." (441) Diese Feststellung Weiningers von 1903 erscheint prophetisch in Hinblick auf den Juden Sigmund Freud, dessen Stern damals erst im Aufgang war, und von dem sich rückblickend sagen läßt, daß sein Pansexualismus maßgeblich an der "sexuellen Befreiung" (oder Entfesselung) beteiligt gewesen ist.

4.14. Das Weib und die Menschheit.

"Den Frauen ist in hohem Grade die Kunst verliehen den Schein zu erregen, als wären sie eigentlich asexuell und ihre Sexualität nur eine Konzession an den Mann. [...] Sie haben aber unterstützt von Männern, die es ihnen glauben, heute dem anderen Geschlechte beinahe dies einzureden vermocht, daß des Mannes wichtigstes, eigentlichstes Bedürfnis die Sexualität sei, daß er erst vom Weibe Befriedigung seiner wahrsten und tiefsten Wünsche erhoffen dürfe, daß Keuschheit für ihn ein Unnatürliches und Unmögliches bilde. Wie oft können junge Männer, die in ernster Arbeit Genugtuung finden, von Frauen, denen sie nicht allzu häßlich vorkommen, und, als Liebhaber oder Schwiegersöhne, nicht allzuwenig zu versprechen scheinen, es vernehmen, daß sie nicht so übermäßig studieren, vielmehr 'ihr Leben genießen' sollten." (442 f.)

An dieser weiblichen Überzeugungsarbeit habe sich, so Weininger, auch mit der zeitgenössischen Frauen-Emanzipation, die eher eine Dirnen-Emanzipation sei, nichts geändert.

"Was neu scheint, das ist das Verhalten der Männer. Mit unter dem Einfluß des Judentums sind sie heute nahe daran, der weiblichen Wertung ihrer selbst sich zu fügen, ja selber sie sich anzueignen. Die männliche Keuschheit wird verlacht, gar nicht mehr verstanden, das Weib vom Manne nicht mehr als Sünde, als Schicksal empfunden, die eigene Begierde weckt im Manne keine Scham mehr.

Man sieht jetzt, woher die Forderung des Sich-Auslebens, [...] woher diese ganze moderne Koitus-Kultur eigentlich stammt. Denn es ist so weit, daß kaum je einer noch den Mut findet, zur Keuschheit sich zu bekennen, und fast jeder so tut, als wäre er ein Wüstling. Geschlechtliche Ausschweifungen bilden den beliebtesten Gegenstand der Renommage, ja die Sexualität wird so hoch gewertet, daß der Renommist schon Mühe hat, Glauben zu finden; die Keuschheit hingegen steht in so geringem Ansehen, daß gerade der wahrhaft Keusche oft hinter dem Scheine des Roué sich verbirgt. [...] So bestimmt heute das Weib, [...] was männlich ist: aus seinen Händen nehmen die Männer den Maßstab ihrer Männlichkeit entgegen. So ist die Zahl der Beischläfe, das 'Verhältnis', das 'Mädel', in der Tat die Legitimation eines Masculinums vor dem anderen geworden.

Dagegen ist alle Hochschätzung der Virginität ursprünglich vom Manne ausgegangen, und geht, wo es Männer gibt, noch immer von da aus: sie ist die Projektion des dem Manne immanenten Ideals fleckenloser Reinheit auf den Gegenstand der Liebe." (443 f.)

Unter Frauen hingegen, so führt Weininger aus, gilt Virginität als der reinste Makel.

"Die Frauen schätzen jede Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen Mann 'unglücklich' verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet, will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen." (445) In ihren Augen steht selbst eine erfolgreiche Straßendirne höher als das alte Fräulein, welch letzteres von Männern keineswegs verachtet wird.

Es folgen entscheidende Sätze:

"Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt, und nicht erhöht werden will. Die letzte Gegnerin der Frauen-Emanzipation ist die Frau." (447) Wohlgemerkt: Die Frau selbst steht ihrer Emanzipation entgegen; nicht ist der Mann das Hindernis!

Jedoch begründet Weininger seine negative Bewertung des Koitus als unsittlich ausdrücklich nicht damit, daß dieser lustvoll sei.

"Der Mensch darf die Lust anstreben, er mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu Gestalten suchen [...] Nur wenn der Wille zur Lust den Willen zum Wert besiegt, dann ist der Mensch gefallen.

Der Koitus ist darum unmoralisch, weil es keinen Mann gibt, der das Weib in solchem Augenblicke nicht als Mittel zum Zwecke gebrauchte [...] Er will von ihr entweder ein Kind oder die Befriedigung der eigenen Wollust: in beiden Fällen benutzt er sie nicht als Zweck an sich selbst, sondern um der fremden Absicht willen. Nur aus diesem, und aus keinem anderen Grunde, ist der Koitus unmoralisch." (447 f.)

Wir würden vielleicht dagegen argumentieren, daß auch sexuelle Wunscherfüllung ein Akt der Liebe zum Partner sein könne. Dazu Weininger:

"Die Frage ist: wie soll der Mann das Weib behandeln ? Wie es selbst behandelt werden will, oder wie es die sittliche Idee verlangt ? Wenn er es zu behandeln hat, wie es behandelt werden will, dann muß er es koitieren, denn es will koitiert werden, schlagen, denn es will geschlagen werden, hypnotisieren, denn es will hypnotisiert werden, ihm durch Galanterie zeigen, wie gering er seinen Wert an sich veranschlägt; denn es will Komplimente, es will nicht geachtet werden. Will er dagegen dem Weibe so entgegentreten, wie es die sittliche Idee verlangt, so muß er in ihm den Menschen zu sehen, und es zu achten suchen. Zwar ist W eine Funktion von M, eine Funktion, die er setzen, die er aufheben kann, und die Frauen wollen nicht mehr sein als eben dies [...]: die Witwen in Indien sollen sich gerne und überzeugt verbrennen lassen, ja zu diesem Tode geradezu sich drängen; doch darum bleibt diese Sitte nicht minder die fürchterlichste Barbarei." (449)

In diesem Sinne würden wir wohl meist ebenso handeln: Einem Alkoholiker auf Verlangen die Flasche reichen oder eines schreiendes Kind durch Süßigkeiten stillen, kann sicher nicht als Liebesbeweis gelten. - Mit dem Folgenden ist Weininger seiner Zeit wiederum voraus:

"Das Problem des Weibes und das Problem des Juden ist ganz identisch mit dem Problem der Sklaverei, und muß ebenso aufgelöst werden wie dieses. Niemand darf unterdrückt werden, wenn er sich gleich nur in der Unterdrückung wohlfühle. [...] Die Frauen sind Menschen und müssen als solche behandelt werden, auch wenn sie selbst das nie wollen würden. Frau und Mann haben gleiche Rechte." (450)

Dafür war die Zeit freilich noch nicht reif:

"Man erschrecke nicht und wende nicht ein, daß hiemit den Frauen auch gleich die Teilnahme an der politischen Herrschaft eingeräumt werden müßte. Vom Utilitätsstandpunkte ist von dieser Konzession gewiß einstweilen, und vielleicht stets, abzuraten; in Neu-Seeland, wo man das ethische Prinzip so hochhielt den Frauen das Wahlrecht zu geben, hat man damit die schlimmsten Erfahrungen gesammelt. Wie man Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern mit Recht keinen Einfluß auf die Leitung des Gemeinwesens gesatten würde, selbst wenn diese plötzlich die numerische Parität oder Majorität erlangten, so darf vorderhand die Frau von einer Sache ferngehalten werden, von der lebhaft zu befürchten steht, daß sie durch den weiblichen Einfluß nur könnte geschädigt werden." (450)

Dennoch:

"Das Recht aber ist nur eines und das gleiche für Mann und Frau. Niemand darf der Frau irgend etwas als 'unweiblich' verwehren und verbieten zu wollen; und ein ganz niederträchtiges Urteil wäre es, das einen Mann freispricht, der seine ehebrecherische Frau erschlagen hat, als wäre diese rechtlich seine Sache. Man hat die Frau als Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen, nicht nach einem aus der Empirie oder aus den Liebesbedürfnissen des Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen: auch wenn sie selber nie jene Höhe der Beurteilung sich sollte würdig zeigen." (451)

Worauf es letztlich aber ankommt, ist die Überwindung des Weibes, besser gesagt: der Weiblichkeit. Damit wendet er sich gegen Nietzsche, dessen Aphorismus 238 aus "Jenseits von Gut und Böse" er zitiert. Nietzsche will eine "orientalische", in Weiningers Worten: "sozialethische" Lösung der Frauenfrage, nämlich die Unterstellung der Frau unter ein Machtverhältnis. (454) Weininger hingegen will die Frau nicht als "Genußmittel" des Mannes sehen, da dieser hierfür einen Preis zu zahlen hätte (nämlich den Koitus), der ihn selbst und die Frau sittlich herabwürdigt. Vielmehr ist das "Menschheitsproblem" - das mit dem Frauenproblem zusammenfällt - nur so zu lösen:

"Die Frau muß dem Koitus innerlich und wahrhaftig, aus freien Stücken entsagen. Das bedeutet nun allerdings: das Weib muß als solches untergehen, und es ist keine Möglichkeit für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden eh dies nicht geschehen ist." Notwendig ist nicht "die Emanzipation des Weibes vom Manne, sondern [...] die Emanzipation des Weibes vom Weibe." (455)

Jedoch:

"Aus eigener Kraft aber kann das Weib schwer zu solchem Ziele gelangen. [...] Erst die Sexualität des Mannes gibt dem Weibe Existenz als Weib. Alle Materie hat nur so viel Existenz, als die Schuldsumme im Universum beträgt: auch das Weib wird nur so lange leben, bis der Mann seine Schuld gänzlich getilgt, bis er die eigene Sexualität wirklich überwunden hat." (456)

Damit kommt Weininger zu einem endgültigem Ergebnis:

Der "Mann muß vom Geschlechte sich erlösen, und so, nur so erlöst er die Frau. Allein seine Keuschheit, nicht wie sie wähnt, seine Unkeuschheit, ist ihre Rettung. Freilich geht sie, als Weib, unter: aber nur, um aus der Asche neu, verjüngt, als der reine Mensch, sich emporzuheben.

Darum wird die Frauenfrage bestehen, so lang es zwei Geschlechter gibt, und nicht eher verstummen denn die Menschheitsfrage. In diesem Sinne hat Christus, nach dem Zeugnis des Kirchenvaters Klemens, zur Salome gesprochen [...]: so lange werde der Tod währen, als die Weiber gebären, und nicht eher die Wahrheit geschaut werden, als bis aus zweien eins, aus Mann und Weib ein drittes Selbes, weder Mann noch Weib, werde geworden sein." (457)

Zuletzt ist aber dem Einwand zu begegnen, welcher den Befürwortern der Keuschheit zu allen Zeiten gemacht worden ist - nämlich, daß die Menschheit im Falle, daß Keuschheit konsequent verwirklich werde, aussterben müsse. Weininger findet diesen Einwand lächerlich, denn noch niemand habe den Koitus vollzogen in der Sorge, den Bestand der menschlichen Gattung zu garantieren. Ja noch schlimmer: Wer so argumentiert, verleugnet den Glauben an die persönliche Fortexistenz.

Ferner ist es

"unmoralisch, ein menschliches Wesen zur Wirkung einer Ursache zu machen, es als Bedingtes hervorzubringen, wie das mit der Elternschaft gegeben ist; und der Mensch ist im tiefsten Grunde nur deshalb unfrei und determiniert neben seiner Freiheit und Spontaneität, weil er auf diese unsittliche Weise enstanden ist." Der Koitus bzw. die Elternschaft ist also schon darum unsittlich, "weil man einen Menschen nicht um seine Einwilligung fragt, dessen Vater oder Mutter man wird." (458)

Eine praktische Forderung wird uns dennoch, in Hinblick auf die kupplerische Neigung aller Mütter, nicht vorenthalten:

"Die Erziehung des Weibes muß dem Weibe, die Erziehung der ganzen Menschheit der Mutter entzogen werden.

Dies wäre die erste Voraussetzung, die erfüllt sein müßte, um die Frau in den Dienst der Menschheitsidee zu stellen, der niemand, so wie sie, seit Anbeginn entgegengewirkt hat." (460)

5. Beurteilung und Ausblick.

5.1. Weininger aus der Sicht seines Biographen Le Rider.

Jaques Le Riders Einschätzung Weiningers steht erkennbar unter dem Eindruck einer drängenden Frage: Wie kann ein intelligenter, ja genialer Autor, Weininger nämlich, zu dermaßen unangenehmen, ja anstößigen Ergebnissen gelangen ? Wie er in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe mitteilt, geriet er, zumal in der Diskussion mit den Erstlesern, selbst in Rechtfertigungsdruck über sein Anliegen, sich mit Weininger abzugeben. Wie dem nun sei: Der eingangs erwähnten Versuchung, eine Pathographie zu schreiben, ist er nicht entronnen. Weiningers "Unvernunft" (59) steht für ihn von vornherein fest. Eine offensichtliche Genugtuung bereitet es ihm, den naturwissenschaftlichen Teil von "Geschlecht und Charakter" als eine Art Bluff, als einen "Experimentalroman" auszuweisen, dem nicht die geringste Beweiskraft zur Stützung seiner Thesen zukommt. Immerhin erkennt er an, daß Weininger eine unglaubliche Fülle von Material zusammengetragen hat, was offenbar auch seine Doktorväter hinreichend beeindruckt habe, um die Dissertation zu akzeptieren.

Mit der Entwertung der wissenschaftlichen Grundlegung steht für Le Rider aber auch die Ungültigkeit der Weininger'schen Weltsicht als Ganzes fest. Daß ein Weltbild auch dann Gültigkeit beanspruchen kann, wenn es durch keine Wissenschaft gedeckt, ja in völligem Widerspruch zu ihr steht - der christliche Glaube ist hierfür ein Beispiel - zieht Le Rider gar nicht erst in Betracht. Metaphysik ist für ihn bestenfalls "wilde Spekulation", wenn nicht ein "Dämon"; den Begriff Mystik gebraucht er, angelsächsischer Manier gemäß, als Synonym für eine geistige Mangel- oder Ausfallerscheinung. Folgerichtig beschäftigt ihn jetzt nur noch die Frage, auf welch einem kulturgeschichtlichen Hintergrund ein solcher Rassismus, Antisemitismus (gemeint ist Antijudaismus) und Antifeminismus (gemeint ist Misogynie) entstehen konnte.

Wenn auch die Beleuchtung der kulturgeschichtlkichen Ausgangslage ein eigenes Interesse beanspruchen darf, so leistet sich Le Rider, soweit er sich um die Deutung des Weininger'schen Gedankengebäudes bemüht, die gleiche methodische Disziplinlosigkeit, die er mit Blick auf Weiningers naturwissenschaftlichen Grundlegungsversuch bemängelt. Daß aber auf philosophischerEbene eine viel strengere Sorgfalt angezeigt ist, einfach, weil die Tatsachen, welche den Forscher zur Korrektur zwingen, auf dieser Ebene sich weniger stark aufdrängen, zählt für ihn nicht. So strotzt das ganze Buch von persönlichen, d.h. auch gegenwartsbedingten Wertungen, welche es ungeeignet erscheinen läßt, Weiningers geistige Intentionen tiefer zu beleuchten.

Dies sei hier erwähnt, weil es beispielhaft steht für die heutige Schwierigkeit, ja fast Unmöglichkeit, Weininger gerecht zu werden, ohne selber Anstoß zu erregen, ja sich zu gefährden.

5.2. Weiningers eigene Position.

Weiningers Idee einer Lösung der "Menschheitsfrage" ingestalt einer Lösung der Frauenfrage ist nur verständlich vor dem Hintergrund des christlichen Weltbildes, und zwar in dessen klarster Ausprägung. Hier macht es keinen Sinn mehr, pauschalierend von "jüdisch-christlichem Weltbild" zu sprechen, ganz einfach, weil Weininger das Judentum und das Christentum in ihrer entscheidenden Gegensätzlichkeit herausstellt, ja in ihrer Unvereinbarkeit gegeneinander ausspielt. Das Wesentliche im Christentum ist die Idee der Erbsünde, der Erbschuld der ganzen Menschheit. Ohne diese Idee einer kollektiven, grundsätzlichen Verderbtheit macht das Auftreten eines Erlösers, das Auftreten Jesu Christi überhaupt keinen Sinn. Indem der Gottessohn mit seinem Opfertod die urbildliche Reinheit des Menschen exemplarisch wieder hergestellt hat, ist uns Allen die prinzipielle Möglichkeit gegeben, an dieser "Auferstehung" mehr und mehr teilzuhaben.

Worin besteht aber die Verderbnis, die Erbschuld, aus der die Erlösung nottut ? Sie ist das Ergebnis einer Verführung des Menschen durch Luzifer, einem rebellischen Engel (oder einer Schar von Engeln), und hat zur Folge - die Materie. Der Mensch vor seinem Sünden-"Fall" und ebenso der Mensch nach der "Auferstehung" ist immateriell. Einen Tod und somit die Notwendigkeit einer Fortpflanzung gibt es dann nicht; folglich auch keine Sexualität; folglich auch keine Zweiteilung in Geschlechter.

Das (nachchristliche) Judentum besteht in der Verleugnung dieser Ideen und - als notwendige Folge davon - in seiner prinzipiell ewigen, aussichtslosen Konservierung als Volk, gewissermaßen als Gattung. Diese ist - anders als das Individuum - unsterblich, und daher kennt das Judentum keinen individuellen Unsterblichkeitsglauben. Grundlage der Unsterblichkeit des Volkes bzw. der Gattung aber ist die nie aufhörende Be-gattung, der Koitus. Da ferner das Denken in der Materie gefangen bleibt, sind Juden - ebenso wie ihre semitischen Brüder, die Araber, während des Mittelalters - oft hervorragende Exponenten der materialistisch-mechanistischen Wissenschaft gewesen.

Ein solcher Exponent ist zum Beispiel der Jude Sigmund Freud. Bei ihm finden wir Beides vereint: Sexualismus und Materialismus. Seine Trieblehre folgt dem mechanistischem Denkmuster der Hydraulik; seine Kulturlehre ist reiner Reduktionismus. Freud blickt in die Tiefe; aber es ist die Tiefe, in welche der Mensch fällt, welcher der Sünde verfallen ist. Erinnern wir uns: In Dantes tiefster Tiefe der Hölle thront der Phallus des Teufels. Freud findet ihn und erkennt an ihm die Libido und ihre Rückseite, den Todestrieb. Ein Unbehagen läßt ihn spüren, daß dies nicht die ganze Welt sein kann. Er sucht sie, sieht sich als Entdecker und Entlarver, und bleibt doch in Gefangenschaft wie der Mensch in Platons Höhlengleichnis. Weininger, der das Licht der persönliche Unsterblichkeit gesehen hat, wurde ihm zum Trauma, das er nicht verarbeiten konnte, vielmehr zeitlebens verdrängen mußte.

Mann und Frau in ihrer Polarität sind kosmischen Ursprungs; ihre Urbilder sind Form und Materie der aristotelischen Metaphysik. Aber hier wie dort ist ihre Polarität eine unvollständige, insofern sie eine Hierarchie abbilden zwischen Göttlichem und Unbearbeitetem. In der irdischen, der gleichsam rück-fälligen, sünden-fälligen Materie, ist die Frau der tiefer gefallene Pol. Nicht vom Mann hat sie sich zu emanzipieren; nein, das Männliche in der jeweilig individualisierten Frau hat sich von ihrem Gattungswesen zu emanzipieren, das heißt zu befreien, zu erlösen. Die Frau muß aufhören, und sie muß auf-hören: Zu Dem, der das Wort ist, dem Logos, dem Gottessohn, unserem Erlöser aus dem Fall.

5.3. Weiningers Aktualität.

Alle, die Weiningers klare Aussagen zum "Wesen des Weibes" bzw. "des Juden" anstößig finden und daher glauben, sich von ihm distanzieren zu müsssen, sollten über folgende Sätze nachdenken, die im Anschluß an die sexuelle Verstümmelung einer Frau geschrieben wurden:

"Einer hat es getan. Jetzt könnte es jeder tun. Der Damm ist gebrochen. Gewalt ist für Männer kein Tabu mehr. Es kann zurückgeschlagen werden. Oder gestochen. Amerikanische Männer denken beim Anblick eines Messers nicht mehr nur ans Schnitzen. Es bleibt Opfern ja gar nichts anderes übrig, als selbst zu handeln. Und da muss ja Männerfreude aufkommen, wenn einer zurückschlägt. Endlich."

Soll man es glauben, daß der Mann, der solches schrieb, zwei Bundesverdienstkreuze (nebst anderen Preisen) bekommen hat ? Natürlich nicht, denn es war eine Frau. Genauer gesagt: Deutschlands Vorzeige-Feministin, Alice Schwarzer. Ich habe in ihrem Text lediglich die Geschlechter ausgetauscht und wenige Worte sinnerfüllend geändert; und selbstverständlich ist das Opfer sexueller Verstümmelung auch keine Frau, sondern ein Mann.

Natürlich haben nicht alle Feministinen sich derartige Auszeichnungen "verdient". Aber die meisten von ihnen sind mindestens genauso unoriginell. Wer es nicht glaubt, nehme nur einmal teil an einer universitären Veranstaltung über "Feministische Philosophie", um von dem Glauben geheilt zu werden, daß auch Frauen genial sein könnten.

Weininger vertrat schon vor über hundert Jahren ein Ideal der geschlechtlichen Gleichberechtigung, das es heute noch nicht bzw. nicht mehr gibt, und das sich Menschen erst wieder zu erkämpfen haben. Von äußerster Tragweite erscheint mir seine zwar nicht erstmalige, aber selbständig ausgeformte Entdeckung der konstanten Bisexualität. Sie besagt - im äußersten Falle - Folgendes: Es gibt Männer in weiblichen Körpern und ebenso Frauen in männlichen Körpern. Im Maße, als der Mensch dies erkennt und anerkennt, emanzipiert er sich von seinem Körper. Geschlechter sind nicht mehr eindeutig zu definieren, jedenfalls nicht mehr über den Körper. Und soweit wäre es auch in Ordnung.


Unerwarteterweise ist nun etwas eingetreten, das Weininger anscheinend nicht vorausgesehen hat. Ich möchte es den "Zweiten Sündenfall" nennen und folgendermaßen erläutern: Mit der Emanzipation von ihren geschlechtlich bestimmten Körpern ist menschlichen Individuen die Möglichkeit gegeben, zu einem - gewissermaßen - vollständigen Menschsein zu evoluieren. Ein vorbereitender Schritt ist bereits vollzogen, wenn Menschen sagen, daß sie nicht mehr über eine bestimmte Rasse oder eine bestimmte Volkszugehörigkeit sich definieren.

Nun aber erleben wir eine zunehmend globalisierte Frauenbewegung mit totalitären Zügen, vergleichbar "völkischen" und "rassenhygienischen" Bewegungen. Bei letzteren beiden spricht man von "Faschismus" bzw. "Rassismus". Beide setzen eine Emanzipation von Volk bzw. Rasse voraus, die aber durch freie Entscheidung, beser gesagt: durch Willkür, rückgängig gemacht wurde. Es findet eine erneute Identifikation, eine Re-Identifikation mit Volk bzw. Rasse statt, die jetzt aber nicht mehr den Charakter der Unschuld hat. Denn indem sich das Ich nicht im Geistig-Universalen, sondern in biologischen Schichten gründet, hat es sich freiwillig in Abhängigkeit begeben - wie ein Trinker, der sich dem Alkohol verschrieb und durch ihn auch immer wieder den entsprechenden Kraftrausch erlebt, in Wirklichkeit aber seine Freiheit dauerhaft eingebüßt hat.

Dasselbe ist aber auch auf sexualer Ebene möglich. Der Mensch, der sich von seinem z.B. weiblich bestimmten Körper emanzipiert hat und sich starker männlicher Strebungen - Herrschaftsstrebungen - bewußt ist, kann sich sagen: Ich will kein Vollmensch sein; ich definiere mich in all meinem Streben nicht als Mensch, sondern als Frau, weil ich meinem Körper, der eine Frau ist, das Recht gebe, mich zu definieren. Ich stelle mein ganzen Wollen in den Dienst dieses Körpers, der teil hat an Milliarden anderen Körpern desselben Geschlechts. Subjekt all meiner bewußten Entscheidungen ist nun nicht mehr "Ich", sondern "Ich als Frau", "Ich als der Eine weibliche Geschlechtsleib der menschlichen Gattung". Dieser globale weibliche Geschlechtsleib, der in Milliarden Individuen zerfällt, gibt Milliarden potentiellen Ichen die Prägung; er ent-individualisiert sie geistig. Und das nenne ich Sexismus.

Wenn aber schon der Faschismus und der Rassismus zu totaler, absolut destruktiver Herrschaft tendiert, so gilt das vom Sexismus in noch einmal gesteigertem Maße. Denn hier gibt tendenziell die Hälfte der menschlichen Iche ihre Freiheit an eine zutiefst biologisch prägende Macht ab. Diese ist bekanntlich viel stärker prägend als Volk oder Rasse; denn sie ist so elementar, daß sie nicht begrenzte Teile, sondern die Hälfte der Menschheit trägt.

Es gibt die Möglichkeit einer nochmaligen und letzten Steigerung: Sie ist erfüllt, wenn nicht die Hälfte, sondern die Totalität der Menschheit sich der sie umfassend tragenden Kraft verschreibt, nämlich ihrer Tierschicht. Und das wäre die Herrschaft des Tieres, von der die Apokalypse des Johannes uns spricht. Hier ist die Stufe erreicht, wo der Mensch nicht mehr aus eigener Kraft sich befreien kann, sondern ein Kampf der himmlischen Gewalten entfesselt wird, der um den Preis ungeheurer Verluste auf Erden, die Ordnung wieder herstellt - damit aber auch die Teilung der Menschheit in einen fortgeschritteneren und einen zurückgebliebenen Teil festschreibt, so wie wir das heute in der natürlich erscheinenden Differenzierung von Menschheit und Tierreich erblicken.

Weiningers Buch "Geschlecht und Charakter" ermöglicht einen Zugang zu diesen Gedanken, wenn es sie auch nicht ausführt.

6. Literaturangaben.

  • Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. Nachdruck der 1.Auflage von 1903, 1980. München: Matthes & Seitz Verlag

  • Jaques Le Rider: Der Fall Otto Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. 1985. Wien, München: LV Löcker Verlag.

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Übersicht zu diesem Referat:

MannPassAuf! Wider die Gräuel
von Matriarchat und Gynokratie.