MannPassAuf! Wider die Gräuel
von Matriarchat und Gynokratie.

Der Weihnachts-Androzid. (23-12-08)

Die Geburt des Gottessohnes hat auch eine sehr ernste Seite, die gewöhnlich in den Hintergrund tritt.

In Matth.2,13-23 ist nämlich die Rede von drei Traumgesichten des Joseph. Er wird aufgefordert, mit dem Kind und dessen Mutter ins ägyptische Exil zu gehen. Der Grund wird gleich darauf genannt: König Herodes läßt alle männlichen Kinder, die in den letzten zwei Jahren geboren waren, töten. Erst nach dem Tod des Königs tritt Joseph, wiederum auf Weisung des Engels, den Weg in seine Heimat an. Noch zögert er, bis er sich aufgrund eines drittes Traumgesichtes dann in Nazareth niederläßt.

Die uns geläufigere Botschaft der Weihnachtsgeschichte ist aber die aus Luk 2,14:

Geoffenbart sei Gott in den Höhen
und Friede auf Erden
Den Menschen, die eines guten Willens sind.

Nun kann man natürlich die historische Wahrheit der evangelischen Berichte ganz oder teilweise bestreiten. Ich persönlich sehe dazu keinen Grund. Ich meine vor Allem, daß man, wenn man schon einiges aus den Berichten bestreitet und anderes nicht, sich nicht ausgerechnet das wegstreichen sollte, was einem "die Stimmung verderben" kann. Nehmen wir die vollständige Weihnachtsgeschichte also einmal zum Anlaß, um uns über das Thema dieses Webtagebuchs zu besinnen.

Feministinnen, zumeist Hochschullehrerinnen, haben den begrenzten Androzid gefordert, das heißt die Begrenzung des männlichen Anteils innerhalb der Menschheit auf 10 % oder noch darunter. Ich habe einige von ihnen in den zurückliegenden Beiträgen genannt. Gelegentlich hat es leise Kritik an diesen Aufrufen gegeben, öfters aber begeisterte Zustimmung (wie jüngst in Schweden gegenüber Valerie Solanas), keineswegs jedenfalls, wie man erwarten sollte, einen moralischen Aufschrei und die Forderung nach Sanktionen.

Dies wirft einerseits ein Licht auf die inzwischen weltweite Virulenz des Sexismus. Anderseits erleben wir eine seit Jahren zunehmend erstarkende Männerbewegung, die nicht nur Forderungen stellt, sondern immer mehr auch die feministische Vergangenheit aufarbeitet. Vor wenigen Wochen erst, am 29. November d.J., ist in der deutschsprachigen Wikipedia ein Artikel über Sally Miller Gearhart erschienen (kurz zuvor hier), der ersten professoralen Androzid-Befürworterin. Am 19. Dezember d.J. erschien in der Jahresschrift "Das jüdische Echo", ein Beitrag von Prof. Gerhard Amendt über den (seitens des Feminismus meist verleugneten) Anteil von Frauen am deutschen Nationalsozialismus, einschließlich der Erinnerung an einen Zeitschriftenartikel von Barbara Kiesling, in welchem diese das Recht von Frauen auf präventive Tötung des Partners forderte. Man kann sich nun Gedanken machen, welche Formen die künftige Sexismuskritik annehmen wird.

Wird das Pendel nur einfach zur anderen Seite ausschlagen - und wenn ja, wie weit?

Im Extremfall werden Forderungen, wie sie S.M.Gearhart stellte, nicht nur - mit geschlechtlich umgekehrtem Vorzeichen - aufgestellt, sondern dadurch überboten, daß sie, zumindest ansatzweise, in die Tat umgesetzt werden. Männer sind nun einmal tatkräftig. Das gilt auch dann, wenn Männer, was durch die bisherige Bildungspolitik angestrebt und auch erreicht wurde, in ihren Bildungsabschlüssen hinter Frauen zurückfallen und ihrer beruflichen Perspektiven zunehmend beraubt werden. Dann allerdings äußert sich Tatkraft mehr in Gewalt und weniger in Aktivitäten, die vernünftig geplant und mit Blick auf ihre Auswirkungen bedacht sind. Diese Tatkraft wird gewalttätig und zerstörerisch, auch selbst-zerstörerisch sein.

Angesichts dieser Perspektive muß man sich fragen, ob die Gynokratie ihrerseits Neigungen erkennen läßt, ihre misandrischen Programme zurückzufahren und irgendwelchen Forderungen, welche z.B. durch MANNdat e.V., der geschlechterpolitischen Initiative, gestellt werden, entgegenzukommen. Leider gibt es dafür keine Anzeichen. Die Polarisierung schreitet also fort und läßt für die Zukunft eigentlich nur noch ein Kräftemessen auf Biegen und Brechen erwarten. Dann werden sich gegenüber stehen: Eine hochgradig bürokratisierte Gynokratie, welche auf Kosten vorwiegend männlicher Arbeitskraft lebt; und eine große Zahl wenig ausgebildeter, perspektivloser und darum gewaltbereiter Männer, die sich von einer maskulistischen Elite die Rechtfertigung ihres Handelns ableiten werden.

Die Rede der Engel am Heiligabend, wie sie uns das Lukas-Eveangelium überliefert: Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind, sollte daher weniger als ein allgemeines Versprechen, denn als Angebot verstanden werden, das sich an bereit- und gutwillige Menschen richtet. Der Friede kommt nicht notwendig; vor Allem kommt er nicht notwendig für Alle. Das wäre eine zu billige Annahme. Wir wurden schon als Kinder nicht immer so beschenkt, wie wir es gerne gehabt hätten, und wir werden es als Erwachsene erst recht nicht.

Der gute Wille ist also gefragt.

Und es gibt zunehmend Grund, hinzuzufügen: auch seitens der Frauen.


Kommentare:
09.09.2009 um 15:57 Uhr
Barbara Kiesling
Sehr geehrter Herr Lentze,

leider fehlt mir die Zeit, ausführlicher auf Ihre sehr versöhnlichen Zeilen einzugehen.
Nur eine Empfehlung: Das oft unbegreifliche Töten von Kindern durch die eigene Mutter kann aus einem völlig anderen Blickwinkel gesehen werden, wenn man folgendes Buch liest: „Mütter, die töten“ Psychoanalytische und forensische Wahrheit. Von Annegret Wiese im Fink-Verlag
Leider gibt es (noch) zu wenige Bücher, die sich aus psychologischer Sicht mit Tötungsdelikten von Männern beschäftigen. Und die, die es gibt, werden nicht genügend beachtet. Dies hat vermutlich mit der allgemeinen Abwehr gegen solche Einsichten zu tun.
Es ist beispielsweise oft vorgekommen, dass sich Redakteure an mich gewandt haben mit der Bitte um eine Stellungnahme, wenn es um häusliche Gewalt geht.
Sobald feststand, dass ich nicht das vorherrschende „Täter-Opfer-Modell“ vertrete, demzufolge ein „böser Mann eine gute Frau“ misshandelt, habe ich nichts mehr gehört.

Zum Schluss möchte ich Sie mit meinem Buchtitel grüßen:
DER ANDERE IST NICHT DIE HÖLLE
Es sind – trotz nicht zu leugnender Unterschiede - immer beide Geschlechter gleichermaßen an den bestehenden Konflikten beteiligt.

Mit freundlichen Grüßen
Barbara Kiesling
10.08.2009 um 22:38 Uhr
T.R.E.Lentze
Mißverständnisse können auch konstruktiv sein. Versuchen wir also, uns weitere Klarheit zu schaffen.

Sie schreiben:

"[...]weiß ich, dass Menschen – und so eben auch Männer - oft nur dann dazu neigen, Macht ausüben zu wollen, wenn sie sich besonders ohnmächtig fühlen."

Ich antworte:

Psychologie ist nicht alles! Oft genug wollen Menschen - und so eben auch Frauen - gerade dann Macht ausüben, wenn und weil sie ihnen gegeben wurde. So hat mich die Mutter meines Kinder niedergeschlagen (s. http://schlaegerinnen-stopp.de), ohne daß ein Streit vorausgegangen war, aber im Bewußtsein, daß sie in Deutschland lebt, also daß nicht sie, sondern ich verurteilt werden und daß es ihre Chancen verbessern würde, einen Sorgerechtsstreit zu gewinnen. Während unserer sechs Jahre in Afrika ist sie nicht auf solche Gedanken gekommen, denn dort hätte sie nichts gewonnen.

So ist es aber auch mit den typischen NS-Täterinnen. Sie haben nicht gefoltert, weil sie sich ohnmächtig gefühlt oder eine unglückliche Kindheit gehabt hätten. Sie wußten einfach, daß sie "die Sau rauslassen" durften, ohne dafür belangt zu werden. Wahrscheinlich hatten sie zunächst einmal moralische Hemmungen, die durch die Gruppensituation dann immer weiter abgebaut wurden.

Nun schreiben Sie zwar:

"Mit meinen Veröffentlichungen verfolge ich das Ziel, über die tiefenpsychologischen Prozesse, die einer Tötungstat vorausgehen, aufzuklären, damit fortan wirkungsvollere Therapieansätze konzipiert und vor allem gezieltere Präventionsmaßnahmen ins Leben gerufen werden können.
Dass aus diesem Bemühen der Vorwurf hergeleitet wird, ich würde „ein Recht auf Straftaten“ fordern, macht mich sehr nachdenklich."

Und:

"Das gesellschaftliche Bewusstsein wehrt sich bisher noch gegen eine Anerkennung dieser Erkenntnisse."

Nein, ich glaube, es wehrt sich nicht. Zumindest ich für meinen Teil glaube Ihren Ausführungen gut folgen zu können. Sie geben selbst die richtige Erklärung:

"ist transparent für mich geworden, wodurch es zu der drastischen Entstellung meiner Ausführungen überhaupt hat kommen können.
Die Ausgangsbasis scheint die „anti-feministische“ Haltung zu sein, die Sie mit Herrn Prof. Amendt teilen. Um den Feministinnen etwas entgegensetzen zu können, haben Sie gewissermaßen das Gegenlager eingenommen."

In diesem Zusammenhang muß ich anmerken, daß die Psychologie sehr häufig dafür herhalten muß, Frauen-Versagen zu rechtfertigen. Am krassesten tritt dies in Erscheinung, wenn wieder mal eine Mutter ein Kind getötet hat. Sie gilt dann einfach als "überfordert" und verdient sich einen wohltuenden Aufenthalt in einer psychotherapeutischen Klinik. Ist aber irgendwie ein Mann daran mitbeteiligt, und sei es nur als aktiv nicht beteiligter Lebenspartner, dann es geht es gleich strafrechtlich zur Sache. Auf diese Weise hat sich in der männlichen Bevölkerung ein enormes Ressentiment angestaut. Lesen Sie einmal zwei Tage in dem Forum htpp://www.wgvdl.com, es ist zum Angstkriegen!

Natürlich ist das alles nicht Ihre persönliche Schuld. Ohne Zweifel sind Sie Ihrem eigenen Anspruch gerecht geworden und haben eine Arbeit geleistet, die es sicher verdient, beachtet zu werden. Wenn Sie es beklagen, falsch verstanden worden zu sein, dann tun Sie es vielleicht aber im Fehlen der Einsicht, daß ein zunehmend anti-feministisches Klima herrscht. Das ist ja auch Gegenstand meines Artikels, an den wir jetzt diese Diskussion anknüpfen.

Sie wissen sicher auch, wie sehr man sich heute vorsehen muß, keine z.B. "anti-semitischen" oder "ausländerfeindlichen" Aussagen zu machen. Nicht selten wird einem der Vorwurf gemacht, daß man zwar nicht nachweislich etwas Nachteiliges geäußert, aber auch nicht alle möglichen Maßnahmen ergriffen hat, um Mißverständnissen vorzubeugen. Ich finde derartige Vorwürfe oft stark übertrieben und mißachte sie bisweilen bewußt, muß dann aber auch so Manches dafür einstecken.

Im vorliegenden Fall würde ich Ihnen gerne Folgendes empfehlen:

Nehmen Sie sich die Vorwürfe nicht übermäßig zu Herzen. Sie haben sich gut verteidigt und aus meiner Sicht Ihren Standpunkt als untadelig ausgewiesen. Meinen Vorwurf nehme ich damit zurück. Ideal aber wäre es, wenn Sie Ihren psychologischen "Elfenbeinturm" (falls Sie diesen Ausdruck gestatten) ein wenig oder gelegentlich verlassen, einfach weil sich nicht alle Schandtaten auf eine verpfuschte Kindheit zurückführen lassen. Bei den von Ihnen behandelten Fällen trifft das zwar unbestreitbar zu. Aber vielleicht wäre es doch einfach günstiger, ab und an darauf hinzuweisen - auch wenn es unnötig erscheint -, daß sich nicht Alles psychologisch erklären bzw. entschuldigen läßt. Die gegenwärtige Situation läßt eine solche Vorsicht als ratsam erscheinen. Das muß man aber nicht nur als Unannehmlichkeit sehen, sondern als Chance, Verständigung und Ausgleich herbeizuführen. Daß Sie das können, haben Sie ja bewiesen.

Können wir so verbleiben?

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Lentze
10.08.2009 um 17:37 Uhr
Dr. Barbara Kiesling
Sehr geehrter Herr Lentze,

aufgrund Ihrer Auslegungen meines in Psychologie Heute veröffentlichten Textes unter dem Titel: „Ich liebe Dich – ich töte Dich“ - ist transparent für mich geworden, wodurch es zu der drastischen Entstellung meiner Ausführungen überhaupt hat kommen können.
Die Ausgangsbasis scheint die „anti-feministische“ Haltung zu sein, die Sie mit Herrn Prof. Amendt teilen. Um den Feministinnen etwas entgegensetzen zu können, haben Sie gewissermaßen das Gegenlager eingenommen.
Dass ich hierbei in die Schusslinie geraten bin, liegt daran, dass ich meine Studie nur mit Frauen durchgeführt habe und somit von Prof. Amendt dem „gegnerischen Lager“ zugeordnet worden bin. Diesbezüglich befindet er sich jedoch im Irrtum.
Wie bereits betont, bin ich keine Feministin. Ich sehe zwar durchaus das Verdienst der Feministinnen, auf viele Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam gemacht, enorme Bewusstseinsarbeit geleistet und damit auch nachhaltige Veränderungen bewirkt zu haben.
Was mich jedoch von vielen Feministinnen unterscheidet:
Ich habe nie die Männer für unannehmbare Zustände in unserer Gesellschaft als allein verantwortlich angesehen. Nach meinen Überzeugungen gibt den aus feministischer Sicht bestehenden „Machtanspruch der Männer“ so gar nicht.
Als ehemalige Bewährungshelferin, die vornehmlich mit Männern gearbeitet hat, weiß ich, dass Menschen – und so eben auch Männer - oft nur dann dazu neigen, Macht ausüben zu wollen, wenn sie sich besonders ohnmächtig fühlen. In meinem Buch „Der andere ist nicht die Hölle“ weise ich ausdrücklich darauf hin, dass an allen Paarkonflikten immer BEIDE, also Mann UND Frau, gleichermaßen beteiligt sind.
Die von Ihnen als „höchst problematisch“ angesehene „Außerachtlassung des geschlechtlichen Aspektes“ ist lediglich auf eine äußere Notwendigkeit zurückzuführen: Um promovieren zu können gab es für mich als ehemalige Fachhochschulabsolventin seinerzeit zunächst nur die Möglichkeit des Quereinstiegs über ein Frauenforschungskolloquium. Voraussetzung war hier eben ein Frauenthema.
Ich möchte darauf hinweisen, dass „neutrale Leser“ diesbezüglich keine kritischen Einwände vorbrachten – auch wenn sie die Umstände des Zustandekommens meiner Studie nicht kannten und auch nicht wissen konnten, dass ich mich in meiner Dissertation ganz eindeutig vom feministischen Konzept, welches „häusliche Gewalt“ mit dem Machtanspruch der Männer erklärt, distanziere.
Was meine diesbezügliche Haltung betrifft, so sind unsere Positionen also gar nicht so weit voneinander entfernt. Das heißt, ich bin irrtümlich von Prof. Amendt im Gegenlager verortet und unter Beschuss genommen worden.
Bei allem Verständnis für solche Irrtümer möchte ich mich doch gegen die daraus entstandenen haltlosen Unterstellungen verwahren.
Prof. Amendt hat öffentlich erklärt, ich hätte die „präventive Tötung von Männern“ gefordert. Diese Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage.
Nachdem Sie nun meinen Text, auf den sich Prof. Amendt bezieht, gelesen haben, räumen Sie zwar ein, dass der von Prof. Amendt unterstellte Passus „nicht wirklich“ in meinem Text zu finden ist.
Allerdings erscheinen Ihnen - von Ihrem Standort aus - manche meiner Formulierungen, als gehe eine solche Forderung „implizit“ durchaus doch aus meinem Text hervor.
Das könnte aber auch bedeuten: Sie lesen eine solche Forderung hinein.
Es handelt sich hier offenbar um ein Phänomen, welches in allen (kriegerischen) Auseinandersetzungen auftritt: Wechselseitig werden dem anderen „unlautere“ Motive unterstellt. Aussagen des Gegners werden verzerrt, indem etwas hineininterpretiert oder ausgelassen wird, so dass Auslegungen zustande kommen, die mit dem Gesagten und Gemeinten nichts mehr zu tun haben.
Ich habe zu keinem Zeitpunkt – auch nicht implizit - das „präventive Töten von Männern“ gefordert. Abgesehen davon, dass ich eine solche Forderung für völlig absurd halte, kommt der Terminus „präventiv“ – bzw. das deutsche Wort „vorbeugend“ – überhaupt nicht in meinen Aussagen vor. Sie werden auch keine „Forderung“ in meinem Text finden können.
Da eine derartig eklatante Fehlinterpretation nicht zufällig geschieht, muss ich mich nun fragen, was ich dazu beigetragen haben könnte, dass es zu einer so bedeutsamen Verzerrung meiner Ausführungen kommen konnte. Schließlich müsste das oben Behauptete auch im vorliegenden Fall zutreffen: nämlich dass stets ALLE Beteiligten einen Beitrag zur Entstehung eines Konfliktes geleistet haben.
Meiner Vermutung nach liegt es daran, dass ich auf Zusammenhänge hinweise, die bisher keine allgemeine Akzeptanz haben finden können. Gemeint sind die schwerwiegenden Folgen psychischer Traumatisierungen.
Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben zu dem Ergebnis geführt, dass es sich bei denjenigen, die ihren Partner getötet haben, um schwer traumatisierte Menschen handelt. Vor der Tat geraten sie in einen Zustand, den sie als „existentielle Bedrohung“ (Rasch 1964) erleben. Der renommierte Forensiker Prof. Wilfried Rasch ist schon 1964 in seiner Studie, die unter dem Titel „Tötung des Intimpartners“ veröffentlicht wurde, zu diesem Ergebnis gekommen. Er sah in den psychischen Mechanismen, die solchen Taten vorausgehen, eine deutliche Einschränkung der Verantwortlichkeit des Einzelnen.
Das gesellschaftliche Bewusstsein wehrt sich bisher noch gegen eine Anerkennung dieser Erkenntnisse. Es ist sicher auch sehr schwer für viele Menschen, sich auf Erklärungen einlassen zu können, die über die Grenzen der üblichen Vorstellungen hinausgehen. Die Widerstände sind aber vermutlich in erster Linie darauf zurückzuführen, dass es viele Menschen gibt, die sich ihrer eigenen Traumatisierung nicht bewusst werden können.

Mit meinen Veröffentlichungen verfolge ich das Ziel, über die tiefenpsychologischen Prozesse, die einer Tötungstat vorausgehen, aufzuklären, damit fortan wirkungsvollere Therapieansätze konzipiert und vor allem gezieltere Präventionsmaßnahmen ins Leben gerufen werden können.
Dass aus diesem Bemühen der Vorwurf hergeleitet wird, ich würde „ein Recht auf Straftaten“ fordern, macht mich sehr nachdenklich.

Was den Titel meiner Dissertation „einfach weg aus meinem Leben“ betrifft, so bezeichnen sie diesen als „zynisch“. Vielleicht haben Sie nicht erkannt, dass es sich hierbei um ein Zitat handelt. Ein Titel soll ja möglichst gleich plakativ auf das hinweisen, was vom Inhalt des Buches zu erwarten ist.
Und so weise ich schon auf dem Buchumschlag auf den Realitätsverlust der von mir interviewten Frauen hin. Denn eine Frau, die ihren Partner getötet hat und anschließend sagt, er sollte „einfach nur weg aus meinem Leben“, demonstriert damit recht anschaulich, dass sie den Zugang zu der Realitätsebene, auf die wir anderen uns geeinigt haben, verloren hat. Von diesem Menschen können wir dann auch nicht erwarten, dass er „realitätsadäquat“ handelt.
Es ist bedauerlich, dass diese Erkenntnisse bisher noch keine allgemeine Anerkennung gefunden haben; und es ist noch bedauerlicher, dass ich von Ihnen und von Herrn Prof. Amendt so fundamental missverstanden worden bin.

Mit freundlichen Grüßen
Barbara Kiesling
30.07.2009 um 20:16 Uhr
Dr. Barbara Kiesling
Sehr geehrter Herr Lentze,

über Ihre intensive Beschäftigung mit meinem Text und den sachlichen Ausführungen hierzu habe ich mich sehr gefreut.
Ich werde ausführlich hierzu Stellung beziehen.
Da ich morgen für einige Tage verreise, wird es allerdings einige Zeit dauern. Ich bitte deshalb um etwas Geduld.
Sie erhalten auf jeden Fall eine detaillierte Entgegnung.

Mit freundlichen Grüßen

Barbara Kiesling
22.07.2009 um 01:05 Uhr
T.R.E.Lentze
Danke, daß Sie den fraglichen Text der Leserschaft zur Verfügung gestellt haben. Im Folgenden gehe ich davon aus, daß es sich um denselben Text handelt, den auch Prof. Amendt zur Grundlage seiner Bewertung genommen hat.

Sie haben das Dilemma der belasteten Partnerbeziehung sehr schön dargestellt. Natürlich ist es wünschenswert, wenn "innere Gefängnismauern" nach und nach niedergerissen werden, damit sich in Zukunft die äußeren erübrigen. Jedoch scheint mir, daß Sie die psychologische und die juristische Ebene nicht in wünschenswerter Weise auseinandergehalten haben.

Sie sagen, daß Sie an keinem Ort "das Recht von Frauen auf präventive Tötung des Partners" gefordert hätten. In dieser Formulierung haben Sie es dem vorliegenden Text nach wirklich nicht. Gewisse Formulierungen lassen aber den Schluß zu, daß Sie ein solches Recht implizit gefordert haben bzw. weiterhin fordern.

Bereits in der Einleitung bringen Sie die Erwägung ins Spiel, "wenn das Recht auf Selbstverteidigung nicht nur für das körperliche, sondern auch für das psychische Überleben gelten würde." Der nachfolgende Text dient eindeutig dazu, diese Erwägung plausibel und diskursfähig zu machen.

Aus dem Fallbeispiel, das Sie bringen, geht nicht hervor, daß es sich um einen Akt der Notwehr nach § 32 und § 33 StGB gehandelt habe.

Sie behelfen sich nun mit der Konstruktion eines "psychischen Todes", zunächst beim Kind, und verstärken diesen Begriff wie folgt: "Möglicherweise würde das seinen physischen Tod nach sich ziehen." Später beziehen Sie dies auf den Erwachsenen und folgern: "die Tötungstat wird in diesen Fällen als Schutz vor der Gefahr eigener psychischer Auflösung verübt." Letztere bezeichnen Sie mit Berufung auf Ch.Ewing ausdrücklich als "psychischen Tod". Den vorbeugenden Tötungsakt bezeichnen Sie sodann als einen "psychischen Notwehrakt" und fügen hinzu: "Aus psychologischer Sicht kann diesen Menschen zweifellos ein Opferstatus zuerkannt werden."

Indirekt plädieren Sie damit für Gesetzesänderung, wonach der Tatbestand der objektive Bedrohung (z.B.durch die vorgehaltene Pistole) zu ergänzen wäre durch den einer gefühlten Bedrohung. Offenbar sollen beide Arten der Bedrohung rechtlich, d.h. inbezug auf die Notwehr, gleichgestellt werden.

Was unterscheidet nun die Tötung aus einer gefühlten (d.h. objektiv nicht faßbaren) Bedrohung von einer präventiven (also vorbeugenden) Tötung, von der Sie sagen, daß Sie sie nicht gefordert hätten?

Weiterhin lassen Sie ungeklärt, ob Sie ein entsprechendes Recht auch für Männer gelten lassen wollen. Mit Blick auf die gegenwärtigen deutschen Rechtspraxis, in der Gewalt durch Männer und Gewalt durch Frauen durchaus unterschiedlich verurteilt werden, liefe eine geschlechtsneutrale Formulierung wohl eher auf ein weiteres Frauenrecht, also auf weitere Ungleichheit hinaus.

Selbstverständlich wäre ein Recht zum Töten aufgrund einer gefühlten Bedrohung auch unter Außerachtlassung des geschlechtlichen Aspekts schon höchst problematisch. Ebenso ist es die Passage aus dem Titel Ihrer Dissertation: "...einfach weg aus meinem Leben". Hier bringt das Wort "einfach" eine unverantwortliche, wenn nicht zynische Haltung zum Ausdruck, wie sie typisch ist für Morde aus niedrigen Motiven. Insgesamt entsteht daraus der Eindruck, daß der ganze psychotherapeutische Erklärungsaufwand letztlich nur die praktische Umsetzung eines ideologischen Konzeptes stützen soll.

Was die Bewertung Ihrer Empfehlung durch Herrn Prof. G.Amendt betrifft, so beachten Sie bitte auch den Kontext, in dem sie steht. Im Anschluß an Äußerungen von Margarete Mitscherlich schreibt er dort: "Die gleichzeitige Stilisierung von Frauen zu eschatologischen Trägern einer reinen Zukunft und individueller Tötungen lässt ideologische Analogien im Denken, Fühlen und Handeln erkennen, wie wir sie in der Neuzeit vor allem aus der Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus kennen."

Im Übrigen sehe auch ich nicht ein, warum wir den Frauen weiterhin eine ideologische Narrenfreiheit einräumen sollen, die wir Männer uns nicht gestatten. In meinem Sexistinnen-Pranger habe ich Frauen (leider auch einen Mann) aufgeführt, die in ihren Forderungen nach präventiver Männer-Tötung noch sehr viel weitergehen als Sie. Ich meine, daß wir Männer (d.h. Betroffenen!) hier endlich einmal eine Grenze einfordern müssen.

Wäre es nicht möglich, daß Sie Ihre Einstellung korrigieren oder - von mir aus - Ihre Aussagen ins etwas weniger "Mißverständliche" neu formulieren? So, wie Sie als Psychotherapeutin sicher vielen Menschen geholfen haben, sich seelisch zu entwickeln und Feindseligkeiten abzubauen, so kann auch dieser Diskurs dazu dienen, daß wir, die wir daran beteiligt sind, unsere Positionen neu aushandeln. Dazu ist die öffentliche Diskussion ja auch eigentlich da.

Mit freundlichen Grüßen
T.R.E.Lentze
21.07.2009 um 20:58 Uhr
Dr. Barbara Kiesling
Hier folgt der Text meines Artikels in Psychologie Heute Juli 2004
Die Einleitung wurde von der Redaktion hinzugefügt.


Ich liebe Dich – ich töte Dich
Barbara Kiesling


Ist eine jahrelang misshandelte Frau, die ihren Partner tötet, eine Mörderin? Oder muss die Tat als Akt der Notwehr gewertet werden? Da in den meisten Fällen keine akute Gefahr für Leib und Leben besteht, setzt sich diese Argumentation vor Gericht nur selten durch. Anders wäre es, wenn das Recht auf Selbstverteidigung nicht nur für das körperliche, sondern auch für das psychische Überleben gelten würde.

Antonia A. hat ihren Ehemann mit einem Messerstich ins Herz getötet. Es sei ein gezielter Stich gewesen, heißt es im Urteil. Wie die meisten Frauen, denen die Tötung ihres Partners vorgeworfen wird, macht auch Antonia A. vorangegangene Misshandlungen für die Tat verantwortlich. Im Interview berichtet sie, ihr Mann sei Trinker gewesen, und sie habe sehr unter seinen Alkoholexzessen gelitten. Es sei zuletzt immer öfter zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen ihnen gekommen. Und wie die meisten Frauen in einer solchen Lage verwickelt sich auch Antonia A. in Widersprüche. So erzählt sie, sie sei nie auf den Gedanken gekommen, sich von ihrem Partner zu trennen. Dies begründet sie mit den Worten: ,,Ich hatte ihn einfach zu gern.« Es scheint ihr gar nicht bewusst zu sein, dass sich diese Äußerung nicht mit der Tötungstat vereinbaren lässt.
Wie sollen sich Außenstehende, insbesondere Richterinnen und Richter, angesichts solcher Widersprüche ein klares Bild von den angeklagten Frauen und ihrer Motivation machen können? Und warum bleiben Frauen bei einem Partner, der sie misshandelt?
Der Wissenschaftler David Celani hat sehr eindrucksvoll beschrieben, dass misshandelte Frauen in zwei unterschiedlichen Welten leben. Er bezeichnet sie als „Borderlinepersönlichkeiten". Die Auswirkungen dieser Erkrankung kann man sich vereinfacht so vorstellen: Heute geht es ihnen gut; sie fühlen sich von ihrem Partner geliebt, der sehr charmant ist und wegen seiner Ausschreitungen am Vortag aufrichtige Reue zeigt. Sie erinnern sich zwar noch daran, wie sie am Boden gelegen und versucht haben, seine Fußtritte abzuwehren, doch fehlt ihnen das entsprechende Gefühl dafür. Heute sieht die Welt schließlich ganz anders aus. Morgen kann es schon wieder umgekehrt sein. Morgen erleben sie womöglich wieder nur die „schlechte Welt". Dann gehen sie vielleicht ins Frauenhaus. Doch genauso schnell kann erneut der Wechsel zurück in die „gute Welt" erfolgen. Es findet also ein ständiges Oszillieren zwischen den zwei — sich einander ausschließenden — Daseinszuständen statt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist im Erleben jeweils nur das eine oder das andere Gefühl vorhanden. Das jeweils andere ist in dem Augenblick nicht wahrnehmbar, so als wäre es gar nicht existent. Zwischen den beiden Seinszuständen gibt es keine Verbindung; sie sind durch eine undurchlässige Grenze voneinander getrennt.

Da die betroffenen Frauen die Widersprüchlichkeit ihrer beiden Seelenwelten nicht bewusst wahrnehmen, erleben sie sich — trotz der ihnen zugefügten physischen und psychischen Misshandlungen — nicht durchgängig als Opfer. Sobald sie in ihre „gute" Gefühlswelt eintauchen, scheint alles Vorangegangene vergessen. In diesen Phasen kehren sie zu ihrem Partner zurück.
Der Grundstein für eine solche gespaltene Lebenswelt wird in der Kindheit gelegt. Wenn ein Kind von seiner — aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen liebesunfähigen — Mutter misshandelt wird, nimmt es sowohl die Mutter als auch sich selbst als „schlecht" wahr. Da kein Kind mit einer solchen Wahrnehmung überleben kann, erhofft es sich den lebensnotwendigen Ausgleich von einer anderen Person. Dies ist in der Regel der Vater. Die Hinwendung zu ihm erfolgt in der Hoffnung, dass er den Schaden wieder gutmachen kann, der in der Beziehung zur Mutter entstanden ist. Diese Hoffnung wird oftmals ebenfalls enttäuscht, weil der Partner einer liebesunfähigen Frau meist auch nicht in der Lage ist, die Liebesbedürfnisse eines Kindes zu befriedigen. Eher noch wird ein solcher Mann versuchen, die ihm von seiner Frau fehlende Liebe vom Kind zu bekommen. Das Kind wird dann zu einer Art Ersatzpartner.
Wenn ein Kind in einer derart traumatischen Situation nicht in der Lage wäre, den Ängsten und Nöten etwas entgegenzusetzen, würde es psychisch sterben; das heißt, es würde derart von Ängsten überwältigt werden, dass alle wichtigen kognitiven Funktionen zusammenbrechen würden. Möglicherweise würde das seinen physischen Tod nach sich ziehen. Um das psychische Überleben zu gewährleisten, setzt ein überaus kreativer Mechanismus ein: Die wenigen guten Erfahrungen, die auch die aussichtsloseste Lebenssituation hervorbringt, werden mit Hoffnungen und idealistischen Erlösungsfantasien aufgebläht und in einem separaten Teil des psychischen Erlebens bewahrt.
Bei dieser hoffnungsvollen Weltsicht handelt es sich nun aber vorwiegend um ein Fantasiegebäude, um ein Luftschloss, welches errichtet wird, um die Kränkungen zu kompensieren, das Selbstwertgefühl zu regulieren und damit ein psychisches Gleichgewicht zu schaffen. Es ist fragil und daher immer in Gefahr zusammenzubrechen. Besonders in kritischen Situationen müssen Maßnahmen ergriffen werden, um das instabile Gleichgewicht halten und damit einen Zusammenbruch vermeiden zu können. Darüber hinaus drängt ein uns allen innewohnender Regulierungsmechanismus darauf, den entstandenen Schaden auszugleichen, gleichsam zu heilen. Was läge näher, als die einst fehlende Liebe im späteren Leben bei einem Liebespartner zu suchen? Der unbewusste Wunsch, die innere Welt in einer Beziehung erneut zu inszenieren, um Korrekturen vorzunehmen und Heilungsprozesse in Gang zu setzen, führt jedoch zu einer fatalen Partnerwahl: Häufig, wenn nicht sogar in der Regel, finden sich zwei Menschen mit einer gleichartigen Störung.
Wie der Sozialforscher Donald Dutton festgestellt hat, leiden die Partner misshandelter Frauen oft ebenfalls an der Borderlinestörung. Aufgrund eigener Traumatisierung sind sie nicht in der Lage, ihren Frauen die ersehnte Liebe zu geben. Vielmehr machen sie ihrerseits einen Anspruch auf die ihnen bisher vorenthaltene Liebe geltend. Die Enttäuschung ist auf beiden Seiten maßlos. Das hat zur Folge, dass der bislang unterdrückte Hass und die damit einhergehende Aggression wechselseitig auf den anderen projiziert werden.
Dies hat durchaus Entlastungsfunktion, da die eigenen unerwünschten Anteile nunmehr in der anderen Person, also im Außen bekämpft werden können. Je tiefer die einstige Kränkung erlebt wurde, desto hemmungsloser ist der Wille, den eigentlichen Verursacher zu zerstören. Da dieser nicht mehr verfügbar ist, richten sich nun die Affekte gegen den als Stellvertreter fungierenden Partner. Der jeweilige Angriff dient dabei wiederum in erster Linie der Wiederherstellung des beschädigten Selbstwertgefühls.
In einer Misshandlungsbeziehung haben sich demnach zwei zutiefst verletzte Menschen zusammengefunden, deren Kernproblematik aus der frühkindlichen Beschädigung resultiert. Da sie sich der Ursache für ihr Leid nicht bewusst sind, wird das Übel in der Partnerschaft vermutet; dort soll es bekämpft werden. Es kann dabei zu körperlichen Übergriffen kommen, wobei diese dann meist — aufgrund der körperlichen Überlegenheit — vom Mann ausgehen. Dabei handelt es sich jedoch nur um eine mögliche Ausdrucksform in einem Geschehen, in dem sich die Partner wechselseitig größtmögliche - oftmals auch „nur" subtile — Verletzungen zufügen. Die verschiedensten Manöver in der Interaktion mit dem Partner, die Zerwürfnisse, Anklagen und Übergriffe stellen demnach einen Versuch dar, die eigene Beschädigung zu kompensieren. Hinter all dem verbirgt sich der unbewusste Wunsch nach Heilsein. Weil dieser Wunsch an die falsche Adresse gerichtet wird, ist es von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen. Das ist jedoch für die Beteiligten nicht zu durchschauen. Sie vervielfachen stattdessen ihre Anstrengungen.
Trotz des zermürbenden Hin und Her kann diese spezifische Dynamik über lange Zeiträume aufrechterhalten werden. Die Partner durchlaufen dabei unzählige so genannte Gewaltkreisläufe, in denen Zerwürfnis und Versöhnung einander abwechseln, ohne dass eine nennenswerte Veränderung eintritt.
Eine zentrale Bedeutung hat in diesen Beziehungen die Sexualität. Weil die Beziehungsfähigkeit dieser Menschen durch den vielfachen Missbrauch nahezu zerstört worden ist, bieten sexuelle Aktivitäten oftmals die einzige Möglichkeit, überhaupt einem anderen Menschen nahe zu sein. Ohne Sexualkontakte treten Verlassenheitsgefühle auf, die von innerer Panik begleitet werden. Allerdings hat die häufig demonstrativ signalisierte Sexualität keinen reifen Charakter, weil mit ihr vielmehr kompensatorisch und im Wiederholungszwang die Befriedigung der Bedürfnisse einer frühen Phase der Ich-Entwicklung eingefordert wird. Es handelt sich also in erster Linie um die Abwehr depressiver Gefühle und überwältigender Ängste. Das sexuelle Agieren dient demnach dem Ziel, die psychische Balance wiederherzustellen, sobald diese aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Es bewahrt die Betroffenen in einer Art sexueller Scheinidentität vor der stets drohenden Gefahr des psychischen Zusammenbruchs.
Beide Partner sind in einem unlösbaren Dilemma gefangen: Sie können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander leben. Beide spüren, dass sie im Falle einer Trennung als Erstes die Hoffnung auf die so dringend ersehnte Liebe und damit auch die Hoffnung auf Heilung aufgeben müssten. Darüber hinaus stehen alle wichtigen Funktionen, die der Partner erfüllt hat, dann nicht mehr zur Verfügung. Die nach außen verlagerte „Schlechtigkeit" beispielsweise müsste wieder in den eigenen psychischen Haushalt zurückbeordert werden: der Selbsthass, die tiefe Depression, die Schuldgefühle und all die anderen schmerzlichen Emotionen, die nie verarbeitet werden konnten. Damit würde die enorme Entlastung eingebüßt werden, die mit der Externalisierung, das heißt mit der Nach-außen-Verlegung der „schlechten" Anteile einherging. Da der Partner gewissermaßen als Stützpfeiler für den innerseelischen Zusammenhalt gedient hat, geriete dieser im Falle einer Trennung ins Wanken. Ohne eine innere Neustrukturierung wäre der Zusammenbruch unausweichlich. Deshalb kann eine Trennung, selbst wenn die Notwendigkeit erkannt wird, nicht ohne weiteres vollzogen werden. Hierin kann vermutlich der — unbewusste - Widerstand der Frauen gesehen werden, sich von einem sie misshandelnden Partner zu trennen.
Wie die Beobachtung entsprechender Paare zeigt, kann die „schlechte Lebenswelt" von den Partnern ohne schwerwiegende Folgen uneingeschränkt attackiert werden. Denn hierbei handelt es sich um eine vertraute Erfahrung, die diese separate Teilwelt einst hervorgebracht hat. Das mag der Grund dafür sein, dass Misshandlungsbeziehungen jahrzehntelang andauern können.
Wenn demgegenüber ein Angriff auf die kompensatorisch errichtete Seite - auf die „gute Lebenswelt" — erfolgt, so wird damit die Gefahr eines Einsturzes des in der Waage gehaltenen psychischen Gleichgewichts heraufbeschworen. Diese Situation tritt ein, wenn sich die Hoffnungen und Illusionen plötzlich verflüchtigen und der vernichtenden„schlechten Lebenswelt” kein Gegengewicht mehr entgegengehalten werden kann; die innerpsychische Balance gerät dann unweigerlich ins Wanken, und die notdürftig errichtete Konstruktion droht zusammenzubrechen. Diese Vorahnung wird als tödliche Bedrohung erlebt. Vor einem solchen Hintergrund müssen auch die aggressiven Reaktionen verlassener Männer gesehen werden, die bei drohender Trennung noch häufiger als Frauen mit tödlicher Gewalt — entweder gegen die Partnerin oder gegen die eigene Person — reagieren.
Während in einigen Fällen der psychische Zusammenbruch und damit der Ausbruch einer Psychose allmählich und heimtückisch verläuft und besonders passive Menschen der Krankheit nur wenig entgegensetzen können, kämpfen die eher aktiven Charaktere mit ihrer Krankheit und widerstehen dem Ausbruch so lange, wie es ihnen ihre Ich-Stärke erlaubt. Wenn allerdings — vielleicht durch zunehmende Gewalt — ein Wendepunkt eintritt und die Betroffenen sich keinerlei Hoffnung mehr auf eine zukünftige (Ver-) Besserung machen können, geben sie entweder den Kampf auf und werden von der Krankheit überwältigt, oder sie unternehmen in letzter Minute einen verzweifelten Versuch, die Psychose abzuwehren. Der Gewaltakt dient der Abfuhr überwältigender Aggressionen; das heißt, die Tötungstat wird in diesen Fällen als Schutz vor der Gefahr eigener psychischer Auflösung verübt.
Die Ergebnisse meiner Studie legen den Schluss nahe, dass auch die Frauen, die ihren Partner getötet haben, zuvor einen Angriff auf ihre kompensatorisch errichtete „gute Lebenswelt" erlebt haben. Dieser Angriff hätte ihren „psychischen Tod" (Charles Ewing) nach sich gezogen. In diesem Sinne haben die Frauen einen Akt der Selbstverteidigung vollzogen — allerdings einen psychischen Notwehrakt.
Aus psychologischer Sicht kann diesen Menschen zweifellos ein Opferstatus zuerkannt werden. Inzwischen teilen die meisten Wissenschaftler die Überzeugung, dass jede Täterin und jeder Täter selbst Opfer in anderen Zusammenhängen gewesen ist. Doch führt diese Erkenntnis allein zu keiner befriedigenden Lösung; ebenso wenig, wie uns die Frage nach der Schuld weiterzubringen vermag. Aber auch die langjährige Inhaftierung ist angesichts der den Tätern und Täterinnen oft fehlenden Einsicht in das eigene Tun kontraproduktiv.
Der englische Pychoanalytiker Donald W. Winnicott hat vorgeschlagen, die Betroffenen „mit der tiefsten Hoffnungslosigkeit in Berührung kommen zu lassen, die ihrer Krankheit zugrunde liegt, um dadurch ihr Wachstum vielleicht wieder in Bewegung zu bringen". Dazu wäre es notwendig, nach und nach die Schutzwälle ihrer Abwehr einzureißen, um diese Menschen aus ihrem „Gefängnis der Verleugnung” zu befreien. Erst wenn die — inneren — Gefängnismauern niedergerissen sind, werden sich in ferner Zukunft vielleicht die äußeren erübrigen.


Literatur
D. Celani: The illusion of luve. Whythe batteredwomen return to her abuser. Columbia University Press, New York 1994
G. D. Dutton, S. K. Golant: The batterer. A psychological profile. Perseus Book Group, New York 1995
Ch. P. Ewing: Battered women who kill. Lexington Books, Massachusetts/Toronto 1987
D. W. Winnicott: Aggression. Versagen der Umwelt und antisoziale Tendenz. Klett-Cotta, Stuttgart 1988
Dr. Barbara Kies/ing ist Sozialpädagogin, ehemalige Bewährungshelferin und Eheberaterin. Die Ergebnisse ihrer Studie über Frauen, die töten, hat sie vor zwei Jahren im Psychosozial-Verlag, Gießen veröffentlicht. Titel:,,... einfach weg aus meinem Leben"- Eine qualitative Studie über Frauen, die ihren Partner getötet haben. Weitere Veröffentlichung: Die Tötungstat als psychischer Notwehrakt Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2/2004.
Kontakt: mail@paar-beratung-oniine.de
06.07.2009 um 19:04 Uhr
T.R.E.Lentze
Wir hatten ja schon einmal einen e-mail-Austausch hierüber, ich glaube im Januar. Ihr Text, auf den G.Amendt sich bezieht, war derzeit im Internet nicht abrufbar. Jedoch äußerte Herr Prof. Amendt mir gegenüber, daß er zu seiner Einschätzung stehe, und tatsächlich steht ja sein Artikel, was die fragliche Passage betrifft, unverändert im Netz. (Ich habe oben den Link erneuert. Es ist jetzt ein Direktlink auf seinen Artikel.)

Könnten Sie nicht einmal die Passage Ihres Artikels, auf die G.Amendt sich bezieht, hierhin oder ins Gästebuch setzen? Dann wäre Gelegenheit, die Sache abschließend zu klären.

Mit freundlichen Grüßen,
T.R.E.Lentze
06.07.2009 um 11:28 Uhr
Dr. Barbara Kiesling
Barbara Kiesling hat an keinem Ort "das Recht von Frauen auf präventive Tötung des Partners" gefordert.

Bitte den Originaltext, auf den sich diese Unterstellung bezieht, lesen.
MannPassAuf! Wider die Gräuel
von Matriarchat und Gynokratie.